{"id":190,"date":"2024-05-04T14:42:44","date_gmt":"2024-05-04T12:42:44","guid":{"rendered":"https:\/\/anarchistischebuechermesse.noblogs.org\/?p=190"},"modified":"2024-05-04T14:49:26","modified_gmt":"2024-05-04T12:49:26","slug":"wie-anarchistisch-ist-die-plattform","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anarchistischebuechermesse.noblogs.org\/?p=190","title":{"rendered":"WIE ANARCHISTISCH IST DIE PLATTFORM?"},"content":{"rendered":"<div class=\"entry-content\">\n<p><em>Hier eine Brosch\u00fcre von Venomous Butterfly Publications, \u201aHow Anarchist is the Platform?\u2018, die \u00dcbersetzung ist von uns. Aufgrund gro\u00dfer<\/em><em> Unterschiede zwischen der englischsprachigen und der deutschsprachigen \u00dcbersetzung, von denen es sowohl mehrere gibt, haben wir die Fassung auf die sich dieser Text bezieht selbst \u00fcbersetzt. Es liegt also nicht an uns was die entschiedenen Differenzen zwischen den vielen \u00dcbersetzungen angeht. Wir h\u00e4tten die g\u00e4ngige deutschsprachige \u00dcbersetzung verwenden k\u00f6nnen, was wir auch gerne getan h\u00e4tten, denn es h\u00e4tte uns viel Zeit erspart, <\/em><em>welche auf der <a href=\"https:\/\/www.nestormakhno.info\/german\/platform\/org_plat.htm\">Nestor Makhno Info<\/a>-Seite zu finden ist, <\/em><em>aber einige Differenzen schienen uns jedoch zu gro\u00df zu sein<\/em><em>.<\/em><span id=\"more-4636\"><\/span><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><em>Dieser Text ist ein weiterer, der sich einer noch l\u00e4ngeren Reihe der sich kritisch mit dem 1926 von \u201aDielo Truda\u2018, sowie seinen zeitgen\u00f6ssischen Verteidigerinnen und Verteidiger \u2013 in der Regel bekannt als Plattformisten \u2013 Organisationsplattform der Allgemeinen Anarchistischen Union, auseinandersetzt und in Zukunft weiter damit auseinandersetzen wird, einreiht. Da der Text f\u00fcr sich selbst spricht, muss nicht viel gesagt werden, da wir auch die Kritik am Plattformismus teilen, als der Versuch den Anarchismus, unter anderem, zu bolschewisieren, au\u00dfer bei Stellen wie \u201eDie Revolution darf sich nicht mehr um die Produktionsmittel drehen, sondern muss als eine Umgestaltung des gesamten Lebens verstanden werden, bei der die Arbeit als definierbarer Lebensbereich nicht mehr existiert. Daher ist auch die Arbeitsmoral, die die Plattform durchdringt, antiquiert. Diese Arbeitsmoral wird auch dadurch deutlich, dass sie die Klasseneinteilung in \u201edie Arbeiterklasse\u201c und \u201edie nicht arbeitende Klasse\u201c vornehmen. Mir scheint, dass es aus anarchistischer Sicht viel sinnvoller w\u00e4re, von der herrschenden Klasse und der ausgebeuteten und enteigneten Klasse oder Klassen zu sprechen.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Selbstverst\u00e4ndlich muss sich die soziale Revolution mit der Frage der Produktionsmittel auseinandersetzen und die Lohnarbeit existiert absolut als ein definierbarer Lebensbereich, dass Gegenteil zu behaupten w\u00e4re Toni Negri auf den Scho\u00df zu fallen. Gerade weil der Kapitalismus das gesamte Leben aller Spezies auf diesen Planeten zu vernichten droht und sich eine klassenlose Gesellschaft mit solchen Fragen auseinandersetzen werden muss steht die Frage im Raum wie wird die menschliche Gemeinschaft ihre Bed\u00fcrfnisse erschaffen.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Arbeitsmoral die die Plattform durchdringt hat andere Ursachen, als, wie man ahnen k\u00f6nnte, oder vermuten l\u00e4sst, ein Fetisch der Arbeit selbst, also als einer menschlichen T\u00e4tigkeit die intrinsisch von der Lohnarbeit nicht zu trennen w\u00e4re. Es ist nicht uninteressant sich mit der etymologischen Vergangenheit des Begriffes der Arbeit auseinanderzusetzen, steht die Frage im Raum ob wir f\u00fcr menschliche T\u00e4tigkeiten die nicht der Perpetuierung des Kapitals dienen sollen, ob in der Maloche oder in der sogenannten Freizeit, die auch nicht au\u00dferhalb der Diktatur des Kapitals steht, andere Begriffe zu gebrauchen haben werden wenn der Moment es erfordert.<\/em><\/p>\n<p><em>Soligruppe f\u00fcr den sozialen Krieg und Gefangene<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Venomous Butterfly Publikationen<\/strong><\/p>\n<p><strong>WIE ANARCHISTISCH IST DIE PLATTFORM?<\/strong><\/p>\n<p>Mit Ausz\u00fcgen aus der Plattform und der Makhno-Malatesta-Korrespondenz Anti-Copyright<\/p>\n<p>Jeder Text, jedes Bild, jeder Ton, der dir gef\u00e4llt, geh\u00f6rt dir. Nimm es und benutze es als deines ohne um Erlaubnis zu fragen.<\/p>\n<p><strong>EINF\u00dcHRUNG<\/strong><\/p>\n<p><em>Wenn diese [revolution\u00e4re] Tendenz nun endg\u00fcltig befreiend sein will und sich nicht mit der Ersetzung einer alten Macht durch eine neue Macht t\u00e4uschen will, muss sie von der Selbstorganisation der K\u00e4mpfe der Ausgebeuteten ausgehen. Diese Selbstorganisation ist bereits im Gange und stellt an sich schon den interessantesten theoretischen Vorschlag dar, den die letzten Jahre des Kampfes geliefert haben. Es liegt an der anarchistischen revolution\u00e4ren Minderheit, nicht erneut zu versuchen, diesem Prozess der selbstorganisierten Strukturierung Organisationsformen aufzuzwingen, die ihr fremd sind.<\/em><\/p>\n<p>[\u2026]<\/p>\n<p><em>Die neue anarchistische \u201ePartei\u201c w\u00e4re sicherlich nicht das, was die Probleme der sozialen Revolution l\u00f6sen w\u00fcrde, sondern vielmehr die selbstorganisierten Ausgebeuteten, mit der Pr\u00e4senz von Anarchistinnen und Anarchisten als Tr\u00e4ger der im spezifischen Sinne klarsten konkreten Vorstellung von den Methoden und M\u00f6glichkeiten der Selbstorganisierung. Diese anarchistische Pr\u00e4senz kann nur unter der Bedingung n\u00fctzlich sein, dass sie nicht erwartet, von au\u00dfen ein vorgegebenes Modell f\u00fcr die Interpretation der Realit\u00e4t aufzudr\u00e4ngen, ein Modell, das sich als solches nur durch eine verbale Definition als befreiend bezeichnen k\u00f6nnte.<\/em> -Alfredo M. Bonanno<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte mich fragen, warum ich ein Pamphlet mit Texten aus einer fast achtzig Jahre alten Debatte drucke. Der Grund ist einfach. In den letzten Jahren haben einige Anarchistinnen und Anarchisten aus Gr\u00fcnden, die ich nicht verstehe, wieder damit begonnen, die von der Gruppe Dielo Trouda herausgegebene \u201eOrganizational Platform of General Union of Anarchists (Project)\u201c (auch bekannt als \u201eThe Organizational Platform of Libertarian Communists\u201c) als Grundlage f\u00fcr die aktuelle anarchistische Praxis zu propagieren. Obwohl die Texte und Briefe im faschistischen Italien nur langsam zu ihm gelangten, versuchte Malatesta dennoch eine gef\u00e4hrtenschaftliche kritische Debatte mit Nestor Makhno \u00fcber die Plattform, und Malatestas Kritik an diesem Dokument und der darin vorgeschlagenen Organisationsstruktur geh\u00f6rt zu den besten.<\/p>\n<p>Es besteht kein Zweifel daran, dass eine der dr\u00e4ngendsten Fragen f\u00fcr Anarchistinnen und Anarchisten zu jeder Zeit die Frage ist, wie wir in der Welt auf eine Weise handeln k\u00f6nnen, die mit unseren Zielen \u00fcbereinstimmt. So wie die urspr\u00fcnglichen Initiatoren der Plattform aufrichtige Anarchistinnen und Anarchisten waren, die versuchten, mit dieser Frage zu ringen, gehe ich davon aus, dass dies auch f\u00fcr die meisten heutigen \u201ePlattformisten\u201c gilt. Aber es hat schon etwas Nostalgisches, sich auf ein fast achtzig Jahre altes Dokument zu berufen, das aus einem bestimmten Kontext stammt, um Antworten auf diese Frage zu finden.<\/p>\n<p>Die Plattform wurde 1926 von f\u00fcnf Anarchisten verfasst, die an der russischen Revolution beteiligt gewesen waren. Die Frage, mit der sie sich auseinandersetzen wollten, war die mangelnde Effektivit\u00e4t der Anarchistinnen und Anarchisten in dieser Revolution und ganz allgemein. Bei der Lekt\u00fcre des gesamten Dokuments stellt man fest, dass sich ein Gro\u00dfteil ihrer Analyse auf den spezifischen Kontext Russlands zur Zeit der Revolution bezieht \u2013 eine Zeit, in der 85 % der Bev\u00f6lkerung des Landes noch aus Bauern bestand. Das allein w\u00fcrde schon die Relevanz des Dokuments f\u00fcr unsere heutige Situation einschr\u00e4nken. Dar\u00fcber hinaus stellt das Festhalten an einer produktivistischen Ideologie jegliche Relevanz f\u00fcr die Gegenwart in Frage. Die Vorstellung, dass es bei einer sozialen Revolution darum geht, die gegenw\u00e4rtigen Produktionsmittel zu beschlagnahmen und sie kommunistisch zu betreiben, erscheint heute einfach absurd. Die Revolution darf sich nicht mehr um die Produktionsmittel drehen, sondern muss als eine Umgestaltung des gesamten Lebens verstanden werden, bei der die Arbeit als definierbarer Lebensbereich nicht mehr existiert. Daher ist auch die Arbeitsmoral, die die Plattform durchdringt, antiquiert. Diese Arbeitsmoral wird auch dadurch deutlich, dass sie die Klasseneinteilung in \u201edie Arbeiterklasse\u201c und \u201edie nicht arbeitende Klasse\u201c vornehmen. Mir scheint, dass es aus anarchistischer Sicht viel sinnvoller w\u00e4re, von der herrschenden Klasse und der ausgebeuteten und enteigneten Klasse oder Klassen zu sprechen.<\/p>\n<p>Aber ein zeitgen\u00f6ssischer Plattformist k\u00f6nnte argumentieren, dass die Relevanz der Plattform woanders liegt, nicht in ihren spezifischen Vorschl\u00e4gen zu den Arbeiter- und Bauernk\u00e4mpfen der damaligen Zeit, sondern in ihren allgemeinen Prinzipien. Gut, aber wie lauten diese allgemeinen Grunds\u00e4tze dann? Um diese Prinzipien besser zu verstehen, ist es meiner Meinung nach aber auch wichtig, sich zu \u00fcberlegen, wie die urspr\u00fcnglichen Plattformisten das Problem der fehlenden anarchistischen Wirksamkeit und Relevanz sahen.<\/p>\n<p>Bei der Lekt\u00fcre der Einleitung der Plattform wird deutlich, dass die Verfasser das Versagen der Anarchistinnen und Anarchisten im Wesentlichen auf politischer Ebene sehen. Sie sahen das Problem darin, dass den Anarchistinnen und Anarchisten ein einheitliches Programm f\u00fcr den proletarischen Kampf fehlte, eine einheitliche Theorie und Praxis, um den Klassenkampf in Richtung eines libert\u00e4ren Kommunismus zu f\u00fchren. Was die urspr\u00fcnglichen Plattformisten nicht zu erkennen schienen, ist, dass sie mit dieser Fragestellung nicht der Logik der autorit\u00e4ren und etatistischen Revolution\u00e4re entkommen. Sie stellen die Frage nach der revolution\u00e4ren Wirksamkeit immer noch im Sinne einer Macht\/Gegenmacht-Dynamik des Kampfes und nicht im Sinne der Zerst\u00f6rung aller institutionellen Macht. Die von ihnen geforderte \u201eOrganisationsplattform der Allgemeinen Anarchistischen Union\u201c hat praktisch die Funktion einer revolution\u00e4ren Partei, mit allem, was dazu geh\u00f6rt. Sie ist die Quelle des revolution\u00e4ren Bewusstseins der Arbeiterinnen und Arbeiter sowie der B\u00e4uerinnen und Bauern. Sie soll sie auf die soziale Revolution vorbereiten. Sie soll sie erziehen und eine Art von F\u00fchrung bieten. Indem sie das Problem im Wesentlichen politisch betrachten, driften die Gef\u00e4hrtinnen und Gef\u00e4hrten von Dielo Trouda in eine leninistische Logik ab, nicht unbedingt im Sinne des Autoritarismus, aber mit Sicherheit im Sinne der Vorstellung von der speziellen Organisation als einem Bewusstsein au\u00dferhalb der Klasse.<\/p>\n<p>Aus dieser <em>politischen<\/em> Sichtweise heraus erkl\u00e4ren sich die ersten drei Organisationsprinzipien, die in der Plattform vorgeschlagen werden: 1) Einheit der Ideologie; 2) Einheitliche Taktik und kollektives Handeln; und 3) Kollektive Verantwortung. Damit Anarchistinnen und Anarchisten als eine Art politische Partei funktionieren k\u00f6nnen, sind diese Prinzipien absolut notwendig. Aber nat\u00fcrlich gelten diese drei Grunds\u00e4tze f\u00fcr jede politische Partei, ob anarchistisch oder nicht. Deshalb wird auch ein vierter Grundsatz aufgenommen: der F\u00f6deralismus, d. h. die Notwendigkeit, dass die Union und die revolution\u00e4re Gesellschaft nicht hierarchisch, dezentral und horizontal funktionieren. Aber die \u201eBeschreibung\u201c dieses Punktes ist in Wirklichkeit eine Unzahl von Vorbehalten und Bedingungen zusammen mit Vorschl\u00e4gen f\u00fcr \u201eSekretariate\u201c, einen koordinierenden \u201eausf\u00fchrenden Komitee\u201c und \u201ebestimmte organisatorische Pflichten\u201c. Der Geruch von B\u00fcrokratie liegt in der Luft. Und das mag erkl\u00e4ren, warum die meisten zeitgen\u00f6ssischen \u201ePlattformisten\u201c auch eine strikte Einhaltung dieser Grunds\u00e4tze ablehnen \u2013 was nat\u00fcrlich die Frage aufwirft, was in der Plattform sinnvoll ist.<\/p>\n<p>Meiner Meinung nach liegt der Fehler der Verfasser der Plattform genau darin, dass sie das Problem als ein im Wesentlichen politisches Problem ansehen, das durch eine bestimmte Organisationsform gel\u00f6st werden kann, die von au\u00dferhalb der K\u00e4mpfe der Ausgebeuteten selbst kommt. Die Selbstorganisation, die aufst\u00e4ndische Ausgebeutete und Enteignete im Laufe ihrer K\u00e4mpfe entwickeln, ist immer <em>anti<\/em><em>politisch<\/em>, und das sollte Anarchistinnen und Anarchisten, die keine Lust haben, die politische Macht zu ergreifen, ein Hinweis sein. Wenn wir als eine weitere politische Organisation mit einem vorgefassten Programm intervenieren, werden wir so wahrgenommen und beurteilt werden. Und das Beste, worauf jeder, der die wirkliche Befreiung der ausgebeuteten Klassen will, in diesem Fall hoffen k\u00f6nnte, w\u00e4re, dass Anarchistinnen und Anarchisten zusammen mit den Leninisten, Syndikalisten und anderen M\u00f6chtegern-\u201cAnf\u00fchrern der proletarischen Massen\u201c von der B\u00fchne gelacht werden. Die wirkliche Frage f\u00fcr uns muss \u00fcber jede politische Frage hinausgehen. Sie dreht sich um eine sehr reale Spannung. Wir selbst geh\u00f6ren zu den Ausgebeuteten und Enteigneten. Unsere Beteiligung am Klassenkampf gegen die herrschende Ordnung liegt in unserem eigenen Interesse. Aber wir haben auch bestimmte Analysen und theoretische Vorstellungen von dem, womit wir es zu tun haben, und bestimmte W\u00fcnsche und Tr\u00e4ume, wie wir leben wollen. Die Frage ist also, wie wir unsere eigenen K\u00e4mpfe f\u00fchren k\u00f6nnen, in denen diese Ideen, W\u00fcnsche und Tr\u00e4ume eine wichtige Rolle spielen, so dass sie sich mit den K\u00e4mpfen anderer ausgebeuteter und enteigneter Menschen verflechten und die Ausbreitung der selbstorganisierten Revolte f\u00f6rdern. Die Selbstorganisierung hat ihre eigenen Prinzipien: 1) Autonomie von allen repr\u00e4sentativen Organisationen (einschlie\u00dflich Parteien, Gewerkschaften\/Syndikate und dergleichen); 2) direkte Aktion; 3) nicht-hierarchische, horizontale Beziehungen; 4) das Individuum als Grundeinheit der Organisation; und 5) Praktikabilit\u00e4t (es geht um die Organisation der f\u00fcr den Kampf notwendigen Aufgaben und Aktivit\u00e4ten). Die anarchistische Intervention in den selbstorganisierten Kampf w\u00fcrde genau darin bestehen, all diese Eigenschaften zu f\u00f6rdern, alle Rekuperanten \u2013 Partei- und Gewerkschafts\/Syndikats-Schergen und andere Politiker, unabh\u00e4ngig von ihrer Ideologie \u2013 zu entlarven und aktiv zu entmutigen, die Bewegung zur permanenten Konfliktualit\u00e4t mit dem Feind und zu einer Praxis des Angriffs zu ermutigen (was die Verweigerung von Verhandlungen und Kompromissen mit den Herrschenden bedeutet); mit anderen Worten, die Ausbreitung der selbstorganisierten Revolte nicht nur quantitativ, sondern vor allem <em>qualitativ<\/em> zu f\u00f6rdern, hin zur totalen Wiederaneignung jedes Aspekts des Lebens. Und das ist ein grundlegend <em>antipolitisches<\/em> Projekt, bei dem die ausgebeutete Klasse sich selbst als Klasse aufhebt, so wie wir uns als Anarchistinnen und Anarchisten aufheben, in dem Sinne, dass wir uns als selbstbestimmte Individuen wiederfinden, die ihr Leben gemeinsam in freier Assoziation mit anderen selbstbestimmten Individuen gestalten.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>EINIGE AUSZ\u00dcGE AUS DER ORGANISATIONSPLATTFORM DER ALLGEMEINEN ANARCHISTISCHEN UNION<\/strong><\/p>\n<p>(eine vollst\u00e4ndige Version der \u201ePlattform\u201c findest du unter http:\/\/struggle.ws\/platform.html oder in den meisten anarchistischen Buchl\u00e4den)<\/p>\n<p><strong>Einleitung<\/strong><\/p>\n<p>Es ist sehr bezeichnend, dass die anarchistische Bewegung trotz der St\u00e4rke und des unbestreitbar positiven Charakters der libert\u00e4ren Ideen und trotz der Unverbl\u00fcmtheit und Integrit\u00e4t der anarchistischen Positionen in der Auseinandersetzung mit der sozialen Revolution und schlie\u00dflich trotz des Heldentums und der unz\u00e4hligen Opfer, die die Anarchisten im Kampf f\u00fcr den libert\u00e4ren Kommunismus auf sich genommen haben, trotz allem schwach bleibt und in der Geschichte der K\u00e4mpfe der Arbeiterklasse sehr oft als kleines Ereignis, als Episode und nicht als wichtiger Faktor erscheint.<\/p>\n<p>Dieser Widerspruch zwischen der positiven und unbestreitbaren Substanz der libert\u00e4ren Ideen und dem erb\u00e4rmlichen Zustand, in dem die anarchistische Bewegung dahinvegetiert, hat eine Reihe von Ursachen, von denen die wichtigste das Fehlen organisatorischer Prinzipien und Praktiken in der anarchistischen Bewegung ist.<\/p>\n<p>In allen L\u00e4ndern wird die anarchistische Bewegung von mehreren lokalen Organisationen repr\u00e4sentiert, die widerspr\u00fcchliche Theorien und Praktiken vertreten, keine Zukunftsperspektiven und keine Kontinuit\u00e4t in der militanten Arbeit haben und immer wieder verschwinden, ohne die geringste Spur zu hinterlassen.<\/p>\n<p>Insgesamt l\u00e4sst sich ein solcher Zustand des revolution\u00e4ren Anarchismus nur als \u201echronische allgemeine Desorganisation\u201c beschreiben. Wie das Gelbfieber hat sich diese Krankheit der Desorganisation in den Organismus der Anarchisten und Anarchistinnen eingeschlichen und ihn seit Dutzenden von Jahren ersch\u00fcttert.<\/p>\n<p>Es steht jedoch au\u00dfer Zweifel, dass diese Desorganisation auf einige M\u00e4ngel in der Theorie zur\u00fcckzuf\u00fchren ist: vor allem auf eine falsche Auslegung des Prinzips der Individualit\u00e4t im Anarchismus: Diese Theorie wird allzu oft mit der Abwesenheit jeglicher Verantwortung verwechselt. Die Liebhaber der Behauptung des \u201eSelbst\u201c, die nur dem pers\u00f6nlichen Vergn\u00fcgen dienen, klammern sich hartn\u00e4ckig an den chaotischen Zustand der anarchistischen Bewegung und verweisen zu ihrer Verteidigung auf die unver\u00e4nderlichen Prinzipien des Anarchismus und seine Lehrer.<\/p>\n<p>Aber die unver\u00e4nderlichen Prinzipien und Lehrer haben genau das Gegenteil bewiesen.<\/p>\n<p>Zerstreuung und Zersplitterung sind ruin\u00f6s: Ein enger Zusammenschluss ist ein Zeichen von Leben und Entwicklung. Diese Laxheit des sozialen Kampfes gilt sowohl f\u00fcr Klassen als auch f\u00fcr Organisationen.<\/p>\n<p>Der Anarchismus ist weder eine sch\u00f6ne Utopie noch eine abstrakte philosophische Idee, er ist eine soziale Bewegung der arbeitenden Massen. Deshalb muss er seine Kr\u00e4fte in einer Organisation b\u00fcndeln und st\u00e4ndig agitieren, wie es die Realit\u00e4t und die Strategie des Klassenkampfes verlangen.<\/p>\n<p>\u201e<em>Wir sind \u00fcberzeugt\u201c<\/em>, sagte Kropotkin, \u201e<em>dass die Bildung einer anarchistischen Organisation in Russland der gemeinsamen revolution\u00e4ren Aufgabe keineswegs schadet, sondern im Gegenteil in h\u00f6chstem Ma\u00dfe w\u00fcnschenswert und n\u00fctzlich ist.\u201c<\/em> (Vorwort zu Die Pariser Kommune von Bakunin, Ausgabe 1892.)<\/p>\n<p>Bakunin hat sich auch nie gegen das Konzept einer allgemeinen anarchistischen Organisation gewehrt. Im Gegenteil, seine Bestrebungen in Bezug auf Organisationen sowie seine T\u00e4tigkeit in der Ersten Internationale geben uns allen Grund, ihn als aktiven Parteig\u00e4nger einer solchen Organisation zu betrachten.<\/p>\n<p>Im Allgemeinen k\u00e4mpften praktisch alle aktiven anarchistischen Militanten gegen jede verstreute Aktivit\u00e4t und w\u00fcnschten sich eine anarchistische Bewegung, die durch die Einheit von Zielen und Mitteln zusammengeschwei\u00dft ist.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der russischen Revolution von 1917 wurde das Bed\u00fcrfnis nach einer allgemeinen Organisation am st\u00e4rksten und dringendsten empfunden. W\u00e4hrend dieser Revolution zeigte die libert\u00e4re Bewegung den gr\u00f6\u00dften Grad an Sektionalismus und Verwirrung. Das Fehlen einer allgemeinen Organisation f\u00fchrte viele aktive anarchistische Militante in die Reihen der Bolschewiki. Dieses Fehlen ist auch die Ursache daf\u00fcr, dass viele andere heutige Militante passiv bleiben und ihre oft betr\u00e4chtlichen Kr\u00e4fte nicht nutzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wir brauchen dringend eine Organisation, die die Mehrheit der Anarchisten und Anarchistinnen versammelt und im Anarchismus eine allgemeine und taktische politische Linie festlegt, die der gesamten Bewegung als Leitfaden dient.<\/p>\n<p>Es ist an der Zeit, dass der Anarchismus den Sumpf der Unorganisiertheit verl\u00e4sst, dem endlosen Schwanken in den wichtigsten taktischen und theoretischen Fragen ein Ende setzt, entschlossen auf ein klar erkanntes Ziel zusteuert und eine organisierte kollektive Praxis betreibt.<\/p>\n<p>Es reicht jedoch nicht aus, die Notwendigkeit einer solchen Organisation festzustellen: Es ist auch notwendig, die Methode zu ihrer Gr\u00fcndung festzulegen.<\/p>\n<p>Wir lehnen die Idee, eine Organisation nach dem Rezept der \u201eSynthese\u201c zu gr\u00fcnden, d. h. die Vertreter verschiedener anarchistischer Str\u00f6mungen zu vereinen, als theoretisch und praktisch ungeeignet ab. Eine solche Organisation mit heterogenen theoretischen und praktischen Elementen w\u00e4re nur eine mechanische Vollversammlung von Individuen, von denen jedes eine andere Auffassung von allen Fragen der anarchistischen Bewegung hat, eine Vollversammlung, die sich unweigerlich aufl\u00f6sen w\u00fcrde, wenn sie auf die Realit\u00e4t trifft.<\/p>\n<p>Die anarchosyndikalistische Methode l\u00f6st das Problem der anarchistischen Organisation nicht, da sie diesem Problem keine Priorit\u00e4t einr\u00e4umt, sondern nur daran interessiert ist, in das Industrieproletariat einzudringen und dort an St\u00e4rke zu gewinnen.<\/p>\n<p>Doch ohne eine allgemeine anarchistische Organisation kann in diesem Bereich nicht viel erreicht werden, auch nicht, um Fu\u00df zu fassen.<\/p>\n<p>Die einzige Methode, die zur L\u00f6sung des Problems der allgemeinen Organisation f\u00fchrt, ist unserer Meinung nach die Zusammenf\u00fchrung aktiver anarchistischer Militanten zu einer Basis von pr\u00e4zisen Positionen: theoretisch, taktisch und organisatorisch, d.h. die mehr oder weniger perfekte Basis eines homogenen Programms.<\/p>\n<p>Die Ausarbeitung eines solchen Programms ist eine der wichtigsten Aufgaben, die den Anarchisten und Anarchistinnen durch den sozialen Kampf der letzten Jahre auferlegt wurde. Dieser Aufgabe widmet die Gruppe der russischen Anarchisten im Exil einen wichtigen Teil ihrer Bem\u00fchungen. Die unten ver\u00f6ffentlichte Organisationsplattform stellt die Umrisse, das Ger\u00fcst eines solchen Programms dar. Sie soll der erste Schritt sein, um die libert\u00e4ren Kr\u00e4fte in einem einzigen, aktiven und kampff\u00e4higen revolution\u00e4ren Kollektiv zu vereinen: der Allgemeinen Union der Anarchisten.<\/p>\n<p>Wir zweifeln nicht daran, dass die vorliegende Plattform L\u00fccken aufweist. Sie hat L\u00fccken, wie alle neuen, praktischen Schritte, die von Bedeutung sind. Es ist m\u00f6glich, dass bestimmte wichtige Positionen ausgelassen wurden, dass andere unzureichend behandelt werden oder dass wieder andere zu detailliert sind oder sich wiederholen. All das ist m\u00f6glich, aber nicht von entscheidender Bedeutung. Wichtig ist, dass der Grundstein f\u00fcr eine allgemeine Organisation gelegt wird, und dieses Ziel wird mit der vorliegenden Plattform zu einem gewissen Grad erreicht.<\/p>\n<p>Es ist die Aufgabe des gesamten Kollektivs, der Allgemeinen Anarchistischen Union, sie zu erweitern, ihr sp\u00e4ter Tiefe zu verleihen und sie zu einer definitiven Plattform f\u00fcr die gesamte anarchistische Bewegung zu machen. Auch auf einer anderen Ebene haben wir Zweifel. Wir rechnen damit, dass einige Vertreter des selbsternannten Individualismus und des chaotischen Anarchismus uns mit Schaum vor dem Mund angreifen und uns beschuldigen werden, gegen anarchistische Prinzipien zu versto\u00dfen. Wir wissen jedoch, dass die individualistischen und chaotischen Elemente unter dem Titel \u201eanarchistische Prinzipien\u201c politische Gleichg\u00fcltigkeit, Nachl\u00e4ssigkeit und Abwesenheit jeglicher Verantwortung verstehen, die in unserer Bewegung zu fast unheilbaren Spaltungen gef\u00fchrt haben und gegen die wir mit all unserer Energie und Leidenschaft ank\u00e4mpfen. Deshalb k\u00f6nnen wir die Angriffe aus diesem Lager getrost ignorieren. Wir setzen unsere Hoffnung auf andere Militante: auf diejenigen, die dem Anarchismus treu bleiben, die die Trag\u00f6die der anarchistischen Bewegung erlebt und erlitten haben und die schmerzhaft nach einer L\u00f6sung suchen.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem setzen wir gro\u00dfe Hoffnungen auf die jungen Anarchisten und Anarchistinnen, die im Atem der russischen Revolution geboren wurden und sich von Anfang an inmitten konstruktiver Probleme befinden und sicherlich die Verwirklichung positiver und organisatorischer Prinzipien im Anarchismus fordern werden.<\/p>\n<p>Wir laden alle russischen Anarchisten, die in verschiedenen L\u00e4ndern der Welt verstreut sind, und auch einzelne Militante ein, sich auf der Grundlage einer gemeinsamen organisatorischen Plattform zusammenzuschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Diese Plattform soll das revolution\u00e4re R\u00fcckgrat und der Sammelpunkt aller Militanten der russischen anarchistischen Bewegung sein! Sie soll die Grundlage f\u00fcr die Allgemeine Anarchistische Union bilden!<\/p>\n<p>Es lebe die soziale Revolution der Arbeiter der Welt!<\/p>\n<p>Die <em>DIELO TROUDA GRUPPE<\/em> Paris. 20.6.1926.<\/p>\n<p>[\u2026]<\/p>\n<p><strong>Organisatorischer Teil<\/strong><\/p>\n<p>Die oben dargelegten allgemeinen, konstruktiven Positionen bilden die organisatorische Plattform der revolution\u00e4ren Kr\u00e4fte des Anarchismus.<\/p>\n<p>Diese Plattform, die eine eindeutige taktische und theoretische Ausrichtung enth\u00e4lt, scheint das Minimum zu sein, auf das sich alle militanten Kr\u00e4fte der organisierten anarchistischen Bewegung dringend einigen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Ihre Aufgabe ist es, alle gesunden Elemente der anarchistischen Bewegung in einer allgemeinen Organisation zu b\u00fcndeln, die st\u00e4ndig aktiv ist und agitiert: die Allgemeine Anarchistische Union. Die Kr\u00e4fte aller anarchistischen Militanten sollten auf die Schaffung dieser Organisation ausgerichtet sein.<\/p>\n<p>Die grundlegenden Organisationsprinzipien einer Allgemeinen Anarchistischen Union sollten wie folgt lauten:<\/p>\n<p><strong>1- Theoretische Einheit:<\/strong><\/p>\n<p>Die Theorie ist die Kraft, die die Aktivit\u00e4ten von Personen und Organisationen auf einen bestimmten Weg und ein bestimmtes Ziel lenkt. Nat\u00fcrlich sollte sie allen Personen und Organisationen, die der Allgemeinen Union angeh\u00f6ren, gemeinsam sein. Alle Aktivit\u00e4ten der Allgemeinen Union, sowohl im Allgemeinen als auch in ihren Details, sollten in perfekter \u00dcbereinstimmung mit den theoretischen Prinzipien der Union stehen.<\/p>\n<p><strong>2. Die taktische Einheit oder die kollektive Methode der Aktion:<\/strong><\/p>\n<p>Ebenso sollten die taktischen Methoden der einzelnen Mitglieder und Gruppen innerhalb der Union einheitlich sein, d. h. sie sollten sowohl untereinander als auch mit der allgemeinen Theorie und Taktik der Union in strikter \u00dcbereinstimmung stehen.<\/p>\n<p>Eine gemeinsame taktische Linie in der Bewegung ist von entscheidender Bedeutung f\u00fcr die Existenz der Organisation und der gesamten Bewegung: Sie beseitigt die verh\u00e4ngnisvolle Wirkung mehrerer gegens\u00e4tzlicher Taktiken, b\u00fcndelt alle Kr\u00e4fte der Bewegung und gibt ihnen eine gemeinsame Richtung, die zu einem festen Ziel f\u00fchrt.<\/p>\n<p><strong>3. Kollektive Verantwortung:<\/strong><\/p>\n<p>Die Praxis, auf eigene Verantwortung zu handeln, sollte in den Reihen der anarchistischen Bewegung entschieden verurteilt und abgelehnt werden. Die Bereiche des revolution\u00e4ren Lebens, sozial und politisch, sind vor allem von Natur aus zutiefst kollektiv. Die sozialrevolution\u00e4re T\u00e4tigkeit in diesen Bereichen kann nicht auf der pers\u00f6nlichen Verantwortung einzelner militanter Personen beruhen.<\/p>\n<p>Das Exekutivorgan der allgemeinen anarchistischen Bewegung, die Anarchistische Union, wendet sich entschieden gegen die Taktik des unverantwortlichen Individualismus und f\u00fchrt in ihren Reihen das Prinzip der kollektiven Verantwortung ein: Die gesamte Union ist f\u00fcr die politische und revolution\u00e4re T\u00e4tigkeit jedes Mitglieds verantwortlich; ebenso ist jedes Mitglied f\u00fcr die politische und revolution\u00e4re T\u00e4tigkeit der Union als Ganzes verantwortlich.<\/p>\n<p><strong>4. F\u00f6deralismus:<\/strong><\/p>\n<p>Der Anarchismus hat eine zentralisierte Organisation immer abgelehnt, sowohl im Bereich des sozialen Lebens der Massen als auch in seiner politischen Aktion. Das zentralisierte System beruht auf der T\u00f6tung des kritischen Geistes, der Initiative und der Unabh\u00e4ngigkeit jedes Individuums und auf der blinden Unterwerfung der Massen unter das \u201eZentrum\u201c. Die nat\u00fcrlichen und unvermeidlichen Folgen dieses Systems sind die Versklavung und Mechanisierung des gesellschaftlichen Lebens und des Lebens der Organisation.<\/p>\n<p>Gegen den Zentralismus hat der Anarchismus immer das Prinzip des F\u00f6deralismus vertreten und verteidigt, das die Unabh\u00e4ngigkeit und Initiative der Individuen und der Organisation mit dem Dienst an der gemeinsamen Sache in Einklang bringt.<\/p>\n<p>Indem der F\u00f6deralismus die Idee der Unabh\u00e4ngigkeit und des hohen Ma\u00dfes an Rechten jedes Individuums mit dem Dienst an den gesellschaftlichen Bed\u00fcrfnissen und Notwendigkeiten in Einklang bringt, \u00f6ffnet er die T\u00fcren f\u00fcr jede gesunde Entfaltung der F\u00e4higkeiten jedes Individuums. In den Reihen der Anarchisten wurde das f\u00f6deralistische Prinzip jedoch oft deformiert: Es wurde zu oft als das Recht verstanden, vor allem sein \u201eIch\u201c zu manifestieren, ohne die Verpflichtung, \u00fcber die Pflichten gegen\u00fcber der Organisation Rechenschaft abzulegen.<\/p>\n<p>Diese falsche Interpretation hat unsere Bewegung in der Vergangenheit desorganisiert. Es ist an der Zeit, ihr auf entschlossene und unumkehrbare Weise ein Ende zu setzen.<\/p>\n<p>F\u00f6deration bedeutet die freie \u00dcbereinkunft von Individuen und Organisationen, kollektiv auf gemeinsame Ziele hinzuarbeiten. Eine solche Vereinbarung und die darauf basierende f\u00f6derale Union werden jedoch nur dann zur Realit\u00e4t und nicht zur Fiktion oder Illusion, wenn alle Teilnehmer der Vereinbarung und der Union die \u00fcbernommenen Pflichten vollst\u00e4ndig erf\u00fcllen und sich an die gemeinsamen Entscheidungen halten. In einem sozialen Projekt, wie gro\u00df auch immer die f\u00f6deralistische Grundlage sein mag, auf der es aufgebaut ist, kann es keine Beschl\u00fcsse ohne ihre Ausf\u00fchrung geben. In einer anarchistischen Organisation, die ausschlie\u00dflich Verpflichtungen gegen\u00fcber den Arbeitern und ihrer sozialen Revolution \u00fcbernimmt, ist das noch weniger zul\u00e4ssig.<\/p>\n<p>Die f\u00f6deralistische Art der anarchistischen Organisation erkennt zwar die Rechte jedes Mitglieds auf Unabh\u00e4ngigkeit, Meinungsfreiheit, individuelle Freiheit und Initiative an, verlangt aber auch, dass jedes Mitglied feste organisatorische Pflichten \u00fcbernimmt, und verlangt die Ausf\u00fchrung der gemeinschaftlichen Beschl\u00fcsse.<\/p>\n<p>Nur unter dieser Bedingung wird das f\u00f6deralistische Prinzip lebendig und die anarchistische Organisation funktioniert richtig und steuert auf das definierte Ziel zu.<\/p>\n<p>Die Idee der Allgemeinen Anarchistischen Union wirft das Problem auf, die Aktivit\u00e4ten aller Kr\u00e4fte der anarchistischen Bewegung zu koordinieren und zusammenzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Jede Organisation, die sich der Union anschlie\u00dft, stellt eine wichtige Zelle des gemeinsamen Organismus dar. Jede Zelle sollte ihr eigenes Sekretariat haben, das die politische und technische Arbeit der Organisation ausf\u00fchrt und theoretisch leitet.<\/p>\n<p>Um die Aktivit\u00e4ten aller der Union angeschlossenen Organisationen zu koordinieren, wird ein besonderes Organ geschaffen: das Exekutivkomitee der Union. Das Komitee hat folgende Aufgaben: die Ausf\u00fchrung der Beschl\u00fcsse der Union, mit denen es betraut ist; die theoretische und organisatorische Ausrichtung der T\u00e4tigkeit der einzelnen Organisationen im Einklang mit den theoretischen Positionen und der allgemeinen taktischen Linie der Union; die \u00dcberwachung des allgemeinen Zustands der Bewegung; die Aufrechterhaltung der Arbeits- und Organisationsbeziehungen zwischen allen Organisationen der Union und mit anderen Organisationen.<\/p>\n<p>Die Rechte, Verantwortlichkeiten und praktischen Aufgaben des Komitees werden vom Kongress der Union festgelegt. Die Allgemeine Anarchistische Union hat ein konkretes und bestimmtes Ziel. Im Namen des Erfolgs der sozialen Revolution muss sie vor allem die revolution\u00e4rsten und kritischsten Elemente unter den Arbeitern sowie den Bauern anziehen und aufnehmen. Als antiautorit\u00e4re Organisation, die die Abschaffung der Klassengesellschaft anstrebt, st\u00fctzt sich die Allgemeine Anarchistische Union gleicherma\u00dfen auf die beiden grundlegenden Klassen der Gesellschaft: die Arbeiter und die Bauern. Sie legt den gleichen Schwerpunkt auf die Arbeit zur Emanzipation dieser beiden Klassen.<\/p>\n<p>Was die Gewerkschaften der Arbeiter und die revolution\u00e4ren Organisationen in den St\u00e4dten angeht, so muss die Allgemeine Anarchistische Union ihre ganze Kraft darauf verwenden, ihre Vorreiterin und theoretische Anf\u00fchrerin zu werden.<\/p>\n<p>Die gleichen Aufgaben \u00fcbernimmt sie auch f\u00fcr die ausgebeuteten Bauernmassen. Als Basis, die die gleiche Rolle wie die revolution\u00e4ren Arbeiter spielt, strebt die Union ein Netzwerk revolution\u00e4rer \u00f6konomischer Bauernorganisationen an, au\u00dferdem eine spezifische Bauerngewerkschaft, die auf antiautorit\u00e4ren Prinzipien beruht. Aus der Masse des werkt\u00e4tigen Volkes geboren, muss die Allgemeine Union an allen Manifestationen ihres Lebens teilnehmen und ihnen bei jeder Gelegenheit den Geist der Organisation, der Beharrlichkeit und der Offensive vermitteln. Nur so kann sie ihre Aufgabe, ihre theoretische und historische Mission in der sozialen Revolution der Arbeit erf\u00fcllen und die organisierte Avantgarde ihres Emanzipationsprozesses werden.<\/p>\n<p><strong>Nestor Makhno, Ida Mett, Piotr Archinov, Valevsky, Linsky 1926<\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Ein Projekt der anarchistischen Organisation<\/strong><\/p>\n<p>K\u00fcrzlich stie\u00df ich zuf\u00e4llig auf eine franz\u00f6sische Brosch\u00fcre (in Italien kann die nichtfaschistische Presse heute [1927] bekanntlich nicht frei zirkulieren) mit dem Titel \u201eOrganisationsplattform der Allgemeinen Anarchistischen Union (Entwurf)\u201c.<\/p>\n<p>Dabei handelt es sich um ein Projekt f\u00fcr eine anarchistische Organisation, das unter dem Namen einer \u201eGruppe russischer Anarchisten im Ausland\u201c ver\u00f6ffentlicht wurde und sich vor allem an russische Gef\u00e4hrten zu richten scheint. Es befasst sich jedoch mit Fragen, die f\u00fcr alle Anarchisten gleicherma\u00dfen von Interesse sind, und die Sprache, in der es verfasst ist, macht deutlich, dass es die Unterst\u00fctzung von Gef\u00e4hrten weltweit sucht. In jedem Fall lohnt es sich, f\u00fcr die Russen wie f\u00fcr alle anderen zu pr\u00fcfen, ob der vorgelegte Vorschlag mit den anarchistischen Prinzipien \u00fcbereinstimmt und ob seine Umsetzung wirklich der Sache des Anarchismus dienen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die Absichten der Gef\u00e4hrten sind ausgezeichnet. Sie beklagen zu Recht, dass Anarchisten bisher keinen Einfluss auf das politische und gesellschaftliche Geschehen hatten, der dem theoretischen und praktischen Wert ihrer Lehren, ihrer Zahl, ihrem Mut und ihrem Aufopferungswillen entspricht \u2013 und glauben, dass der Hauptgrund f\u00fcr dieses relative Versagen das Fehlen einer gro\u00dfen, ernsthaften und aktiven Organisation ist.<\/p>\n<p>Und bis jetzt konnte ich dem mehr oder weniger zustimmen.<\/p>\n<p>Organisation, die in der Praxis nur Kooperation und Solidarit\u00e4t bedeutet, ist eine nat\u00fcrliche Bedingung, die f\u00fcr das Funktionieren der Gesellschaft notwendig ist; und sie ist eine unvermeidbare Tatsache, die jeden betrifft, ob in der menschlichen Gesellschaft im Allgemeinen oder in jeder Gruppierung von Menschen, die ein gemeinsames Ziel verbindet.<\/p>\n<p>Da der Mensch nicht isoliert leben kann, ja nicht wirklich Mensch werden und seine moralischen und materiellen Bed\u00fcrfnisse befriedigen kann, wenn er nicht Teil der Gesellschaft ist und mit seinen Mitmenschen zusammenarbeitet, ist es unvermeidlich, dass diejenigen, die nicht \u00fcber die Mittel oder ein ausreichend entwickeltes Bewusstsein verf\u00fcgen, um sich frei mit denjenigen zu organisieren, mit denen sie gemeinsame Interessen und Gef\u00fchle teilen, sich den Organisationen anderer unterwerfen m\u00fcssen, die in der Regel die herrschende Klasse oder Gruppe bilden und deren Ziel es ist, die Arbeit der anderen zu ihrem eigenen Vorteil auszubeuten. Und die jahrhundertelange Unterdr\u00fcckung der Massen durch eine kleine Zahl von Privilegierten war immer das Ergebnis der Unf\u00e4higkeit der gr\u00f6\u00dferen Zahl von Individuen, sich mit anderen Arbeitern \u00fcber die Produktion und den Genuss von Rechten und Leistungen zu einigen und sich gegen diejenigen zu wehren, die sie ausbeuten und unterdr\u00fccken wollen.<\/p>\n<p>Der Anarchismus entstand als Antwort auf diesen Zustand. Sein Grundprinzip ist die freie Organisation, die nach der freien Vereinbarung ihrer Mitglieder ohne jegliche Autorit\u00e4t gegr\u00fcndet und gef\u00fchrt wird, d.h. ohne dass jemand das Recht hat, anderen seinen Willen aufzuzwingen. Es liegt daher auf der Hand, dass Anarchisten versuchen sollten, dieses Prinzip, auf dem ihrer Meinung nach die gesamte menschliche Gesellschaft basieren sollte, auch auf ihr pers\u00f6nliches und politisches Leben anzuwenden.<\/p>\n<p>Nach bestimmten Polemiken zu urteilen, scheint es Anarchisten zu geben, die jede Form der Organisation verschm\u00e4hen; aber in Wirklichkeit geht es in den vielen, zu vielen Diskussionen zu diesem Thema, selbst wenn sie durch sprachliche Fragen verdunkelt oder durch pers\u00f6nliche Probleme vergiftet werden, um die Mittel und nicht um das eigentliche Prinzip der Organisation. So kommt es, dass die Gef\u00e4hrten, die sich am organisationsfeindlichsten anh\u00f6ren, genau wie der Rest von uns etwas organisieren wollen, und das oft viel effektiver. Das Problem, ich wiederhole, ist einzig und allein eine Frage der Mittel.<\/p>\n<p>Deshalb kann ich die Initiative, die unsere russischen Gef\u00e4hrten ergriffen haben, nur mit Sympathie betrachten, denn ich bin \u00fcberzeugt, dass eine allgemeinere, \u201egeeintere\u201c und dauerhaftere Organisation als alle anderen, die bisher von Anarchisten gegr\u00fcndet wurden \u2013 auch wenn sie es nicht geschafft hat, alle Fehler und Schw\u00e4chen auszumerzen, die in einer Bewegung wie der unseren vielleicht unvermeidlich sind -, die inmitten des Unverst\u00e4ndnisses und sogar der Feindseligkeit der Mehrheit k\u00e4mpft \u2013 w\u00e4re es zweifellos ein wichtiges Element der St\u00e4rke und des Erfolgs, ein m\u00e4chtiges Mittel, um Unterst\u00fctzung f\u00fcr unsere Ideen zu gewinnen.<\/p>\n<p>Ich glaube, dass es vor allem und dringend notwendig ist, dass Anarchisten so viel und so gut wie m\u00f6glich zusammenkommen und sich organisieren, um die Richtung zu beeinflussen, die die Masse der Menschen in ihrem Kampf f\u00fcr Ver\u00e4nderung und Emanzipation einschl\u00e4gt.<\/p>\n<p>Die wichtigste Kraft f\u00fcr den sozialen Wandel ist heute die Arbeiterbewegung (Syndikalismus) und von ihrer Richtung werden der Verlauf der Ereignisse und die Ziele der n\u00e4chsten Revolution weitgehend abh\u00e4ngen. Durch die Organisationen, die zur Verteidigung ihrer Interessen gegr\u00fcndet werden, entwickeln die Arbeiter ein Bewusstsein f\u00fcr die Unterdr\u00fcckung, unter der sie leiden, und den Antagonismus, der sie von den Bossen trennt. Als Folge davon beginnen sie, nach einem besseren Leben zu streben, gew\u00f6hnen sich an den kollektiven Kampf und die Solidarit\u00e4t und erk\u00e4mpfen die Verbesserungen, die innerhalb des kapitalistischen und staatlichen Systems m\u00f6glich sind. Wenn der Konflikt dann \u00fcber einen Kompromiss hinausgeht, folgt die Revolution oder die Reaktion. Anarchisten m\u00fcssen den Nutzen und die Bedeutung des Syndikalismus anerkennen; sie m\u00fcssen ihre Entwicklung unterst\u00fctzen und sie zu einem der Hebel in ihrer Aktion machen, indem sie alles daf\u00fcr tun, dass sie durch die Zusammenarbeit mit anderen fortschrittlichen Kr\u00e4ften den Weg zu einer sozialen Revolution ebnet, die das Klassensystem beendet und zu vollst\u00e4ndiger Freiheit, Gleichheit, Frieden und Solidarit\u00e4t f\u00fcr alle f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re jedoch ein gro\u00dfer und fataler Fehler zu glauben, dass die Arbeiterbewegung aus eigenem Antrieb und aufgrund ihres Wesens eine solche Revolution herbeif\u00fchren kann und soll, wie es viele tun. Im Gegenteil: Alle Bewegungen, die sich auf materielle und unmittelbare Interessen st\u00fctzen (und nichts anderes kann eine gro\u00dfe Arbeiterbewegung tun), neigen, wenn ihnen der Ansporn, der Antrieb und die gemeinsame Anstrengung von Menschen mit Ideen fehlt, unweigerlich dazu, sich den Umst\u00e4nden anzupassen, sie f\u00f6rdern den Geist des Konservatismus und die Angst vor Ver\u00e4nderungen bei denjenigen, die es schaffen, bessere Arbeitsbedingungen zu erreichen, und enden oft damit, dass sie neue und privilegierte Klassen schaffen und dazu dienen, das System, das wir zerst\u00f6ren wollen, zu erhalten und zu konsolidieren.<\/p>\n<p>Daher besteht ein dringender Bedarf an spezifisch anarchistischen Organisationen, die sowohl innerhalb als auch au\u00dferhalb der Gewerkschaften f\u00fcr die Verwirklichung des Anarchismus k\u00e4mpfen und versuchen, alle Keime der Degeneration und der Reaktion auszurotten.<\/p>\n<p>Es liegt jedoch auf der Hand, dass anarchistische Organisationen, um ihre Ziele zu erreichen, in ihrem Aufbau und ihrer Funktionsweise mit den Grunds\u00e4tzen des Anarchismus in Einklang stehen m\u00fcssen, d.h. sie m\u00fcssen es verstehen, die freie Aktion des Individuums mit der Notwendigkeit und der Freude an der Zusammenarbeit zu verbinden, die dazu dient, das Bewusstsein und die Initiative ihrer Mitglieder zu entwickeln und ein Mittel zur Bildung f\u00fcr das Umfeld, in dem sie t\u00e4tig sind, und zur moralischen und materiellen Vorbereitung auf die von uns gew\u00fcnschte Zukunft zu sein.<\/p>\n<p>Erf\u00fcllt das zur Diskussion stehende Projekt diese Anforderungen?<\/p>\n<p>Mir scheint, dass es das nicht tut. Anstatt in den Anarchisten den Wunsch nach mehr Organisation zu wecken, scheint es bewusst darauf ausgelegt zu sein, das Vorurteil derjenigen Gef\u00e4hrten zu verst\u00e4rken, die glauben, dass sich zu organisieren bedeutet, sich Anf\u00fchrern zu unterwerfen und einem autorit\u00e4ren, zentralisierenden Gremium anzugeh\u00f6ren, das jeden Versuch einer freien Initiative erstickt. Und tats\u00e4chlich enth\u00e4lt es genau die Vorschl\u00e4ge, die einige angesichts der offensichtlichen Wahrheiten und trotz unserer Proteste allen Anarchisten, die als Organisatoren bezeichnet werden, zuschreiben wollen. Lasst uns das Projekt untersuchen.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal scheint es mir ein Fehler zu sein \u2013 und auf jeden Fall unm\u00f6glich zu verwirklichen \u2013 zu glauben, dass alle Anarchisten in einer \u201eAllgemeinen Union\u201c zusammengefasst werden k\u00f6nnen \u2013 das hei\u00dft, in den Worten des Projekts, in einem \u201eeinzigen\u201c aktiven revolution\u00e4ren Kollektiv.<\/p>\n<p>Wir Anarchisten k\u00f6nnen alle sagen, dass wir zur selben Partei geh\u00f6ren, wenn wir mit dem Wort \u201ePartei\u201c alle meinen, die \u201eauf derselben Seite\u201c stehen, d.h. die dieselben allgemeinen Bestrebungen teilen und die auf die eine oder andere Weise f\u00fcr dieselben Ziele gegen gemeinsame Gegner und Feinde k\u00e4mpfen. Das bedeutet aber nicht, dass es m\u00f6glich \u2013 oder sogar w\u00fcnschenswert \u2013 ist, uns alle in einer bestimmten Vereinigung zu versammeln. Es gibt zu viele Unterschiede im Umfeld und in den Kampfbedingungen, zu viele verschiedene M\u00f6glichkeiten der Aktion und auch zu viele unterschiedliche Temperamente und pers\u00f6nliche Unvertr\u00e4glichkeiten, als dass eine \u201eAllgemeine Union\u201c, wenn sie ernst genommen wird, nicht zu einem Hindernis f\u00fcr die individuellen Aktivit\u00e4ten und vielleicht auch zu einem Grund f\u00fcr noch mehr internen Streit werden k\u00f6nnte, anstatt die Bem\u00fchungen aller zu koordinieren und zu \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnte man zum Beispiel auf die gleiche Weise und mit der gleichen Gruppe einen \u00f6ffentlichen Verein organisieren, der f\u00fcr Propaganda und Agitation gegr\u00fcndet wurde, und einen Geheimbund, der durch die politischen Bedingungen des Landes, in dem er t\u00e4tig ist, gezwungen ist, seine Pl\u00e4ne, Methoden und Mitglieder vor dem Feind zu verbergen? Wie k\u00f6nnten die \u201eP\u00e4dagogen\u201c, die glauben, dass Propaganda und Vorbild f\u00fcr die allm\u00e4hliche Umgestaltung des Individuums und damit der Gesellschaft ausreichen, dieselbe Taktik anwenden wie die \u201eRevolution\u00e4re\u201c, die von der Notwendigkeit \u00fcberzeugt sind, einen durch Gewalt aufrechterhaltenen Status quo mit Gewalt zu zerst\u00f6ren und angesichts der Gewalt der Unterdr\u00fccker die notwendigen Bedingungen f\u00fcr die freie Verbreitung der Propaganda und die praktische Anwendung der eroberten Ideale zu schaffen? Und wie kann man Menschen zusammenhalten, die sich aus bestimmten Gr\u00fcnden nicht verstehen und respektieren und niemals gleicherma\u00dfen gute und n\u00fctzliche Militante f\u00fcr den Anarchismus sein k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Au\u00dferdem erkl\u00e4ren selbst die Autoren des Projekts (\u201ePlattform\u201c) die Idee, eine Organisation zu gr\u00fcnden, die die Vertreter der verschiedenen Tendenzen im Anarchismus zusammenbringt, f\u00fcr \u201euntauglich\u201c. Eine solche Organisation, so sagen sie, \u201ewir lehnen die Idee, eine Organisation nach dem Rezept der \u201eSynthese\u201c zu gr\u00fcnden, d. h. die Vertreter verschiedener anarchistischer Str\u00f6mungen zu vereinen, als theoretisch und praktisch ungeeignet ab. Eine solche Organisation mit heterogenen theoretischen und praktischen Elementen w\u00e4re nur eine mechanische Vollversammlung von Individuen, von denen jedes eine andere Auffassung von allen Fragen der anarchistischen Bewegung hat, eine Vollversammlung, die sich unweigerlich aufl\u00f6sen w\u00fcrde, wenn sie auf die Realit\u00e4t trifft.\u201c<\/p>\n<p>Das ist in Ordnung. Aber wenn sie die Existenz verschiedener Tendenzen anerkennen, m\u00fcssen sie ihnen das Recht lassen, sich auf ihre eigene Weise zu organisieren und auf die Art und Weise f\u00fcr die Anarchie zu arbeiten, die ihnen am besten erscheint. Oder werden sie das Recht beanspruchen, alle, die ihr Programm nicht akzeptieren, aus dem Anarchismus zu vertreiben, zu \u201eexkommunizieren\u201c? Sicherlich sagen sie, dass sie alle \u201egesunden Elemente\u201c der libert\u00e4ren Bewegung in einer einzigen Organisation \u201eversammeln\u201c wollen; und nat\u00fcrlich werden sie dazu neigen, nur diejenigen als \u201egesund\u201c zu beurteilen, die so denken wie sie. Aber was werden sie mit den \u201enicht gesunden\u201c Elementen tun?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es unter denjenigen, die sich selbst als Anarchisten bezeichnen, wie in jeder menschlichen Gruppierung Elemente von unterschiedlichem Wert; und was noch schlimmer ist, es gibt einige, die im Namen des Anarchismus Ideen verbreiten, die sehr wenig mit Anarchismus zu tun haben. Aber wie l\u00e4sst sich das Problem vermeiden? Die \u201eanarchistische Wahrheit\u201c kann und darf nicht zum Monopol eines Individuums oder Komitees werden; sie darf auch nicht von den Entscheidungen realer oder fiktiver Mehrheiten abh\u00e4ngen. Alles, was notwendig \u2013 und ausreichend \u2013 ist, ist, dass jeder die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Freiheit der Kritik hat und aus\u00fcbt und dass jeder von uns seine eigenen Ideen beibeh\u00e4lt und sich seine Gef\u00e4hrten selbst aussucht. Letztendlich werden die Fakten entscheiden, wer Recht hatte.<\/p>\n<p>Lassen wir also die Idee beiseite, \u201ealle\u201c Anarchisten in einer einzigen Organisation zu vereinen, und betrachten wir diese \u201eAllgemeine Union\u201c, die uns die Russen vorschlagen, als das, was sie wirklich ist \u2013 n\u00e4mlich die Union einer bestimmten Fraktion von Anarchisten; und sehen wir uns an, ob die vorgeschlagene Organisationsmethode mit den anarchistischen Methoden und Grunds\u00e4tzen \u00fcbereinstimmt und ob sie dadurch zum Triumph des Anarchismus beitragen kann.<\/p>\n<p>Noch einmal: Ich habe den Eindruck, dass sie es nicht kann.<\/p>\n<p>Ich zweifle nicht an der Aufrichtigkeit der anarchistischen Vorschl\u00e4ge dieser russischen Gef\u00e4hrten. Sie wollen den anarchistischen Kommunismus herbeif\u00fchren und suchen nach Mitteln und Wegen, um dies so schnell wie m\u00f6glich zu erreichen. Aber es reicht nicht aus, etwas zu wollen, man muss auch die geeigneten Mittel einsetzen; um an einen bestimmten Ort zu gelangen, muss man den richtigen Weg einschlagen oder irgendwo anders landen. Ihre typisch autorit\u00e4re Organisation, die weit davon entfernt ist, den Sieg des anarchistischen Kommunismus, den sie anstreben, herbeizuf\u00fchren, k\u00f6nnte den anarchistischen Geist nur verf\u00e4lschen und zu Konsequenzen f\u00fchren, die ihren Absichten zuwiderlaufen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich scheint ihre \u201eAllgemeine Union\u201c aus so vielen Teilorganisationen mit \u201eSekretariaten\u201c zu bestehen, die die politische und technische Arbeit \u201eideologisch\u201c leiten; und um die Aktivit\u00e4ten aller Mitgliedsorganisationen zu koordinieren, gibt es ein \u201eExekutivkomitee der Union\u201c, dessen Aufgabe es ist, die Beschl\u00fcsse der Union auszuf\u00fchren und das \u201eideologische und organisatorische Verhalten der Organisationen in \u00dcbereinstimmung mit der Ideologie und der allgemeinen Strategie der Union zu \u00fcberwachen.\u201c<\/p>\n<p>Ist das anarchistisch? Meiner Meinung nach ist das eine Regierung und eine Kirche. Zwar gibt es keine Polizei oder Bajonette, keine gl\u00e4ubige Herde, die die diktierte \u201eIdeologie\u201c akzeptiert; aber das bedeutet nur, dass ihre Regierung eine impotente und unm\u00f6gliche Regierung und ihre Kirche ein Hort f\u00fcr H\u00e4resien und Schismen w\u00e4re. Der Geist, die Tendenz bleibt autorit\u00e4r und die erzieherische Wirkung w\u00e4re weiterhin anti-anarchistisch.<\/p>\n<p>H\u00f6r zu, wenn das nicht wahr ist.<\/p>\n<p>\u201e<em>Das Exekutivorgan der allgemeinen anarchistischen Bewegung, die Anarchistische Union, wendet sich entschieden gegen die Taktik des unverantwortlichen Individualismus und f\u00fchrt in ihren Reihen das Prinzip der kollektiven Verantwortung ein: Die gesamte Union ist f\u00fcr die politische und revolution\u00e4re T\u00e4tigkeit jedes Mitglieds verantwortlich; ebenso ist jedes Mitglied f\u00fcr die politische und revolution\u00e4re T\u00e4tigkeit der Union als Ganzes verantwortlich.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Und im Anschluss daran, was die absolute Verneinung jeglicher individueller Unabh\u00e4ngigkeit und Freiheit der Initiative und Aktion ist, bezeichnen sich die Bef\u00fcrworter, die sich daran erinnern, dass sie Anarchisten sind, als F\u00f6deralisten und donnern gegen die Zentralisierung, deren \u201eunvermeidlichen Folgen\u201c, wie sie sagen, \u201edie Versklavung und Mechanisierung des gesellschaftlichen Lebens und des Lebens der Organisation.\u201c<\/p>\n<p>Aber wenn die Union f\u00fcr das verantwortlich ist, was jedes Mitglied tut, wie kann sie dann ihren einzelnen Mitgliedern und den verschiedenen Gruppen die Freiheit lassen, das gemeinsame Programm so anzuwenden, wie sie es f\u00fcr richtig halten? Wie kann man f\u00fcr eine Aktion verantwortlich sein, wenn man nicht die Mittel hat, sie zu verhindern? Deshalb m\u00fcsste die Union und in ihrem Namen der Exekutivausschuss die Aktionen der einzelnen Mitglieder \u00fcberwachen und ihnen befehlen, was sie zu tun und zu lassen haben; und da eine nachtr\u00e4gliche Missbilligung eine zuvor \u00fcbernommene Verantwortung nicht wiedergutmachen kann, k\u00f6nnte niemand etwas tun, bevor er nicht die Erlaubnis des Komitees eingeholt hat. Und andererseits: Kann ein Individuum die Verantwortung f\u00fcr die Aktionen eines Kollektivs \u00fcbernehmen, bevor es wei\u00df, was es tun wird, und wenn es nicht verhindern kann, dass es das tut, was es missbilligt?<\/p>\n<p>Au\u00dferdem sagen die Autoren des Projekts, dass es die \u201eUnion\u201c ist, die Vorschl\u00e4ge macht und Entscheidungen trifft. Aber wenn sie sich auf die W\u00fcnsche der Union beziehen, meinen sie dann vielleicht auch die W\u00fcnsche aller Mitglieder? Wenn ja, m\u00fcsste die Union, damit sie funktionieren kann, in allen Fragen immer die gleiche Meinung haben. Wenn es also normal ist, dass sich alle \u00fcber die allgemeinen und grundlegenden Prinzipien einig sind, weil sie sonst nicht vereint sind und bleiben, kann nicht davon ausgegangen werden, dass alle denkenden Menschen immer der gleichen Meinung dar\u00fcber sind, was unter den verschiedenen Umst\u00e4nden zu tun ist, und \u00fcber die Wahl der Personen, die mit der Ausf\u00fchrung und Leitung betraut werden sollen.<\/p>\n<p>In Wirklichkeit \u2013 so geht es aus dem Text des Projekts selbst hervor \u2013 kann der Wille der Union nur der Wille der Mehrheit sein, der durch Kongresse zum Ausdruck kommt, die das \u201eExekutivkomitee\u201c ernennen und kontrollieren und \u00fcber alle wichtigen Fragen entscheiden. Nat\u00fcrlich w\u00fcrden die Kongresse aus Vertretern bestehen, die von der Mehrheit der Mitgliedsgruppen gew\u00e4hlt werden, und diese Vertreter w\u00fcrden, wie immer, mit der Mehrheit der Stimmen entscheiden, was zu tun ist. Im besten Fall w\u00fcrden die Entscheidungen also von der Mehrheit einer Mehrheit getroffen werden, und diese k\u00f6nnte, vor allem wenn es mehr als zwei gegens\u00e4tzliche Meinungen gibt, leicht nur eine Minderheit darstellen.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem ist darauf hinzuweisen, dass die Kongresse der Anarchisten unter den Bedingungen, unter denen sie leben und k\u00e4mpfen, noch weniger wirklich repr\u00e4sentativ sind als die bourgeoisen Parlamente. Und ihre Kontrolle \u00fcber die Exekutivorgane, wenn diese autorit\u00e4re Befugnisse haben, ist selten opportun und effektiv. In der Praxis nehmen an den Kongressen der Anarchisten teil, wer will und kann, wer genug Geld hat und wer nicht durch polizeiliche Ma\u00dfnahmen daran gehindert wurde. Es sind genauso viele anwesend, die nur sich selbst oder eine kleine Anzahl von Freunden vertreten, wie diejenigen, die wirklich die Meinungen und W\u00fcnsche eines gro\u00dfen Kollektivs vertreten. Und wenn keine Vorkehrungen gegen m\u00f6gliche Verr\u00e4ter und Spione getroffen werden \u2013 und genau diese Vorkehrungen sind notwendig \u2013 ist es unm\u00f6glich, die Vertreter und den Wert ihres Mandats ernsthaft zu \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n<p>In jedem Fall l\u00e4uft das alles auf ein reines Mehrheitssystem, auf reinen Parlamentarismus hinaus.<\/p>\n<p>Es ist bekannt, dass Anarchisten weder die Mehrheitsregierung (\u201eDemokratie\u201c) noch die Regierung durch einige wenige (\u201eAristokratie\u201c, \u201eOligarchie\u201c oder Diktatur einer Klasse oder Partei) noch die eines Individuums (\u201eAutokratie\u201c, \u201eMonarchie\u201c oder pers\u00f6nliche Diktatur) akzeptieren.<\/p>\n<p>Tausendfach haben Anarchisten die sogenannte Mehrheitsregierung kritisiert, die in der Praxis ohnehin immer zur Herrschaft einer kleinen Minderheit f\u00fchrt.<\/p>\n<p>M\u00fcssen wir das alles noch einmal f\u00fcr unsere russischen Gef\u00e4hrten wiederholen?<\/p>\n<p>Anarchisten sind sich dar\u00fcber im Klaren, dass es dort, wo das Leben gemeinsam gelebt wird, f\u00fcr die Minderheit oft notwendig ist, die Meinung der Mehrheit zu akzeptieren. Wenn es offensichtlich notwendig oder n\u00fctzlich ist, etwas zu tun, und wenn es die Zustimmung aller erfordert, sollten die Wenigen das Bed\u00fcrfnis haben, sich den W\u00fcnschen der Vielen anzupassen. Und in der Regel ist es im Interesse eines friedlichen Zusammenlebens und unter gleichberechtigten Bedingungen notwendig, dass alle von einem Geist der Eintracht, der Toleranz und des Kompromisses beseelt sind. Aber eine solche Anpassung auf der einen Seite durch eine Gruppe muss auf Gegenseitigkeit und Freiwilligkeit beruhen und aus dem Bewusstsein der Notwendigkeit und des guten Willens erwachsen, um zu verhindern, dass der Ablauf der sozialen Angelegenheiten durch Eigensinn gel\u00e4hmt wird. Sie kann nicht als Prinzip und gesetzliche Norm aufgezwungen werden. Dies ist ein Ideal, das im t\u00e4glichen Leben vielleicht nur schwer in seiner Gesamtheit zu erreichen ist, aber es ist eine Tatsache, dass in jeder menschlichen Gruppierung die Anarchie umso n\u00e4her ist, wenn die \u00dcbereinkunft zwischen Mehrheit und Minderheit frei und spontan und frei von jeder Auferlegung ist, die nicht aus der nat\u00fcrlichen Ordnung der Dinge stammt.<\/p>\n<p>Wenn Anarchisten also das Recht der Mehrheit ablehnen, die menschliche Gesellschaft im Allgemeinen zu regieren \u2013 in der die Individuen dennoch gezwungen sind, bestimmte Einschr\u00e4nkungen zu akzeptieren, da sie sich nicht isolieren k\u00f6nnen, ohne auf die Bedingungen des menschlichen Lebens zu verzichten \u2013 und wenn sie wollen, dass alles durch die freie Zustimmung aller geschieht, wie ist es dann m\u00f6glich, dass sie die Idee der Regierung durch die Mehrheit in ihren im Wesentlichen freien und freiwilligen Vereinigungen \u00fcbernehmen und anfangen zu erkl\u00e4ren, dass Anarchisten sich den Entscheidungen der Mehrheit unterwerfen sollten, bevor sie \u00fcberhaupt geh\u00f6rt haben, wie diese aussehen k\u00f6nnten?<\/p>\n<p>Es ist verst\u00e4ndlich, dass Nicht-Anarchisten die Anarchie, definiert als eine freie Organisation ohne die Herrschaft der Mehrheit \u00fcber die Minderheit oder umgekehrt, f\u00fcr eine unrealisierbare Utopie halten oder f\u00fcr eine, die nur in ferner Zukunft realisierbar ist; aber es ist unvorstellbar, dass jemand, der sich zu anarchistischen Ideen bekennt und die Anarchie verwirklichen oder sich ihrer Verwirklichung zumindest ernsthaft n\u00e4hern will \u2013 und zwar lieber heute als morgen \u2013 die Grundprinzipien des Anarchismus verleugnen sollte, wenn er vorschl\u00e4gt, f\u00fcr ihren Sieg zu k\u00e4mpfen. Meiner Meinung nach muss eine anarchistische Organisation auf einer ganz anderen Grundlage gegr\u00fcndet werden als die, die diese russischen Gef\u00e4hrten vorschlagen.<\/p>\n<p>Volle Autonomie, volle Unabh\u00e4ngigkeit und damit volle Verantwortung der Individuen und Gruppen; freie Absprache zwischen denen, die es f\u00fcr sinnvoll halten, sich f\u00fcr ein gemeinsames Ziel zusammenzuschlie\u00dfen; moralische Verpflichtung, eingegangene Verpflichtungen einzuhalten und nichts zu tun, was dem angenommenen Programm widerspricht. Auf dieser Grundlage sollten die praktischen Strukturen und die richtigen Werkzeuge aufgebaut und entwickelt werden, um die Organisation mit Leben zu erf\u00fcllen. Dann die Gruppen, die F\u00f6derationen von Gruppen, die F\u00f6derationen von F\u00f6derationen, die Versammlungen, die Kongresse, die Komitees f\u00fcr Korrespondenz und so weiter. Aber all das muss frei geschehen, so dass das Denken und die Initiative der Individuen nicht behindert werden, und mit dem einzigen Ziel, die Bem\u00fchungen, die isoliert entweder unm\u00f6glich oder unwirksam w\u00e4ren, effektiver zu machen. Die Kongresse einer anarchistischen Organisation leiden zwar als Vertretungsorgane unter all den oben genannten M\u00e4ngeln, sind aber frei von jeglichem Autoritarismus, denn sie legen keine Gesetze fest und zwingen den anderen nicht ihre eigenen Beschl\u00fcsse auf. Sie dienen dazu, die pers\u00f6nlichen Beziehungen zwischen den aktivsten Gef\u00e4hrten aufrechtzuerhalten und zu vertiefen, programmatische Studien \u00fcber Mittel und Wege zur Durchf\u00fchrung von Aktionen zu koordinieren und zu f\u00f6rdern, alle mit der Situation in den verschiedenen Regionen und den dort am dringendsten notwendigen Aktionen vertraut zu machen, die verschiedenen unter den Anarchisten vorhandenen Meinungen zu formulieren und daraus eine Art Statistik zu erstellen \u2013 und ihre Beschl\u00fcsse sind keine verbindlichen Regeln, sondern Anregungen, Empfehlungen, Vorschl\u00e4ge, die allen Beteiligten unterbreitet werden, und werden nur f\u00fcr diejenigen verbindlich und durchsetzbar, die sie akzeptieren, und zwar so lange, wie sie sie akzeptieren.<\/p>\n<p>Die von ihnen benannten Verwaltungsorgane \u2013 Korrespondenzkommission usw. \u2013 haben keine Exekutivbefugnisse, keine Weisungsbefugnis, es sei denn, sie handeln im Namen derjenigen, die um solche Initiativen bitten und sie genehmigen, und sie haben keine Befugnis, ihre eigenen Ansichten durchzusetzen \u2013 die sie zwar als Gruppen von Gef\u00e4hrten aufrechterhalten und propagieren k\u00f6nnen, aber nicht als offizielle Meinung der Organisation darstellen k\u00f6nnen. Sie ver\u00f6ffentlichen die Beschl\u00fcsse der Kongresse und die Meinungen und Vorschl\u00e4ge, die Gruppen und Individuen ihnen \u00fcbermitteln, und sie dienen \u2013 f\u00fcr diejenigen, die einen solchen Dienst ben\u00f6tigen \u2013 dazu, die Beziehungen zwischen den Gruppen und die Zusammenarbeit zwischen denjenigen zu erleichtern, die den verschiedenen Initiativen zustimmen. Es steht jedem frei, mit wem er korrespondieren m\u00f6chte, oder die Dienste anderer Komitees in Anspruch zu nehmen, die von speziellen Gruppen ernannt werden. In einer anarchistischen Organisation k\u00f6nnen die einzelnen Mitglieder jede Meinung \u00e4u\u00dfern und jede Taktik anwenden, die nicht im Widerspruch zu den anerkannten Grunds\u00e4tzen steht und die den Aktivit\u00e4ten anderer nicht schadet. In jedem Fall bleibt eine Organisation so lange bestehen, wie die Gr\u00fcnde f\u00fcr einen Zusammenschluss gr\u00f6\u00dfer sind als die Gr\u00fcnde f\u00fcr einen Dissens. Wenn das nicht mehr der Fall ist, wird die Organisation aufgel\u00f6st und macht Platz f\u00fcr andere, homogenere Gruppen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich h\u00e4ngt die Dauer und Best\u00e4ndigkeit einer Organisation davon ab, wie erfolgreich sie in dem langen Kampf ist, den wir f\u00fchren m\u00fcssen, und es ist nat\u00fcrlich, dass jede Institution instinktiv danach strebt, unbegrenzt zu bestehen. Aber die Dauer einer libert\u00e4ren Organisation muss die Folge der geistigen Verbundenheit ihrer Mitglieder und der Anpassungsf\u00e4higkeit ihrer Verfassung an die st\u00e4ndigen Ver\u00e4nderungen der Umst\u00e4nde sein. Wenn sie nicht mehr in der Lage ist, eine n\u00fctzliche Aufgabe zu erf\u00fcllen, ist es besser, wenn sie stirbt.<\/p>\n<p>Die russischen Gef\u00e4hrten werden vielleicht feststellen, dass eine Organisation wie die, die ich vorschlage und die denjenigen \u00e4hnelt, die zu verschiedenen Zeiten mehr oder weniger zufriedenstellend existiert haben, nicht sehr effizient ist.<\/p>\n<p>Das verstehe ich. Diese Gef\u00e4hrten sind vom Erfolg der Bolschewiki in ihrem Land besessen und w\u00fcrden wie die Bolschewiki gerne die Anarchisten in einer Art disziplinierter Armee versammeln, die unter der ideologischen und praktischen Leitung einiger weniger Anf\u00fchrer fest zum Angriff auf die bestehenden Regime marschieren und nach einem materiellen Sieg den Aufbau einer neuen Gesellschaft leiten w\u00fcrde. Und vielleicht ist es wahr, dass unter einem solchen System, wenn es m\u00f6glich w\u00e4re, dass Anarchisten sich daran beteiligen w\u00fcrden, und wenn die Anf\u00fchrer M\u00e4nner mit Vorstellungskraft w\u00e4ren, unsere materielle Effektivit\u00e4t gr\u00f6\u00dfer sein w\u00fcrde. Aber mit welchen Ergebnissen? W\u00fcrde das, was dem Sozialismus und dem Kommunismus in Russland passiert ist, nicht auch dem Anarchismus passieren?<\/p>\n<p>Diese Gef\u00e4hrten sind genauso wie wir auf den Erfolg aus. Aber um zu leben und erfolgreich zu sein, m\u00fcssen wir nicht die Gr\u00fcnde f\u00fcr unser Leben verwerfen und den Charakter des kommenden Sieges \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Wir wollen k\u00e4mpfen und siegen, aber als Anarchisten \u2013 f\u00fcr die Anarchie.<\/p>\n<p>Errico Malatesta Il Risveglio (Genf), Oktober 1927<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>\u00dcber die \u201aPlattform\u2018<\/strong><\/p>\n<p>Lieber Gef\u00e4hrte Malatesta,<\/p>\n<p>ich habe deine Antwort auf das Projekt f\u00fcr eine \u201eOrganisationsplattform der Allgemeinen Anarchistischen Union\u201c gelesen, das von der Gruppe russischer Anarchisten im Ausland ver\u00f6ffentlicht wurde.<\/p>\n<p>Ich habe den Eindruck, dass du entweder das Projekt f\u00fcr die \u201ePlattform\u201c falsch verstanden hast oder dass deine Weigerung, die kollektive Verantwortung in der revolution\u00e4ren Aktion und die Richtungsfunktion, die die anarchistischen Kr\u00e4fte \u00fcbernehmen m\u00fcssen, anzuerkennen, aus einer tiefen \u00dcberzeugung \u00fcber den Anarchismus herr\u00fchrt, die dich dazu bringt, dieses Prinzip der Verantwortung zu missachten.<\/p>\n<p>Dennoch ist es ein grundlegendes Prinzip, das jeden von uns in seinem Verst\u00e4ndnis der anarchistischen Idee, in seiner Entschlossenheit, zu den Massen vorzudringen, und in seinem Opfergeist leitet. Nur dank ihm kann ein Mensch den revolution\u00e4ren Weg w\u00e4hlen und andere ignorieren. Ohne ihn h\u00e4tte kein Revolution\u00e4r die n\u00f6tige Kraft, den Willen oder die Intelligenz, um den Anblick des sozialen Elends zu ertragen, geschweige denn dagegen zu k\u00e4mpfen. Durch die Inspiration der kollektiven Verantwortung haben die Revolution\u00e4re aller Epochen und Schulen ihre Kr\u00e4fte vereint; darauf gr\u00fcndeten sie ihre Hoffnung, dass ihre partiellen Revolten \u2013 Revolten, die den Unterdr\u00fcckten den Weg er\u00f6ffneten \u2013 nicht vergeblich waren, dass die Ausgebeuteten ihre Bestrebungen verstehen, ihnen die der Zeit angemessenen Anwendungen entnehmen und sie nutzen w\u00fcrden, um neue Wege zu ihrer Emanzipation zu finden.<\/p>\n<p>Du selbst, lieber Malatesta, erkennst die individuelle Verantwortung des anarchistischen Revolution\u00e4rs an. Mehr noch, du hast sie w\u00e4hrend deines ganzen Lebens als Militanter unterst\u00fctzt. Zumindest habe ich deine Schriften \u00fcber den Anarchismus so verstanden. Aber du leugnest die Notwendigkeit und den Nutzen der kollektiven Verantwortung f\u00fcr die Tendenzen und Aktionen der anarchistischen Bewegung als Ganzes. Die kollektive Verantwortung beunruhigt dich, also lehnst du sie ab.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich, der ich mir angew\u00f6hnt habe, mich mit den Realit\u00e4ten unserer Bewegung auseinanderzusetzen, ist deine Leugnung der kollektiven Verantwortung nicht nur unbegr\u00fcndet, sondern auch gef\u00e4hrlich f\u00fcr die soziale Revolution, in der du gut daran tust, die Erfahrung zu ber\u00fccksichtigen, wenn es darum geht, eine entscheidende Schlacht gegen all unsere Feinde auf einmal zu schlagen. Meine Erfahrung mit den revolution\u00e4ren Schlachten der Vergangenheit f\u00fchrt mich zu der \u00dcberzeugung, dass man unabh\u00e4ngig von der Reihenfolge der revolution\u00e4ren Ereignisse ernsthafte Anweisungen geben muss, sowohl ideologische als auch taktische. Das bedeutet, dass nur ein kollektiver, gesunder und dem Anarchismus ergebener Geist die Erfordernisse des Augenblicks durch einen kollektiv verantwortlichen Willen zum Ausdruck bringen kann. Niemand von uns hat das Recht, sich vor dieser Verantwortung zu dr\u00fccken. Im Gegenteil: Wenn es bisher in den Reihen der Anarchisten \u00fcbersehen wurde, muss es jetzt f\u00fcr uns kommunistische Anarchisten zu einem Bestandteil unseres theoretischen und praktischen Programms werden.<\/p>\n<p>Nur der kollektive Geist seiner Militanten und ihre kollektive Verantwortung werden es dem modernen Anarchismus erm\u00f6glichen, die historisch falsche Vorstellung aus seinen Kreisen zu verbannen, dass der Anarchismus weder ideologisch noch in der Praxis ein Wegweiser f\u00fcr die Masse der Arbeiter in einer revolution\u00e4ren Periode sein kann und daher keine Gesamtverantwortung tragen kann.<\/p>\n<p>Ich werde in diesem Brief nicht auf die anderen Teile deines Artikels gegen das \u201ePlattform\u201c-Projekt eingehen, wie zum Beispiel auf den Teil, in dem du \u201eeine Kirche und eine Beh\u00f6rde ohne Polizei\u201c siehst. Ich m\u00f6chte nur meine \u00dcberraschung dar\u00fcber zum Ausdruck bringen, dass du ein solches Argument im Laufe deiner Kritik benutzt. Ich habe viel dar\u00fcber nachgedacht und kann deine Meinung nicht akzeptieren.<\/p>\n<p>Nein, du hast nicht recht. Und weil ich mit deiner Widerlegung nicht einverstanden bin, weil du Argumente verwendest, die zu oberfl\u00e4chlich sind, glaube ich, dass ich das Recht habe, dich zu fragen:<\/p>\n<p>1. Sollte der Anarchismus eine gewisse Verantwortung im Kampf der Arbeiter gegen ihre Unterdr\u00fccker, den Kapitalismus und seinen Diener, den Staat, \u00fcbernehmen?<\/p>\n<p>Wenn nein, kannst du sagen, warum? Wenn ja, m\u00fcssen Anarchisten darauf hinarbeiten, dass ihre Bewegung auf der gleichen Grundlage wie die bestehende Gesellschaftsordnung Einfluss nehmen kann?<\/p>\n<p>2. Kann der Anarchismus in dem Zustand der Desorganisation, in dem er sich derzeit befindet, ideologischen und praktischen Einfluss auf die sozialen Angelegenheiten und den Kampf der Arbeiterklasse aus\u00fcben?<\/p>\n<p>3. Welches sind die Mittel, die der Anarchismus au\u00dferhalb der Revolution einsetzen sollte, und \u00fcber welche Mittel kann er verf\u00fcgen, um seine konstruktiven Konzepte zu beweisen und zu bekr\u00e4ftigen?<\/p>\n<p>4. Braucht der Anarchismus seine eigenen st\u00e4ndigen Organisationen, die untereinander durch die Einheit von Ziel und Aktion eng verbunden sind, um seine Ziele zu erreichen?<\/p>\n<p>5. Was meinen Anarchisten mit \u201eeinzurichtenden Institutionen\u201c, um die freie Entwicklung der Gesellschaft zu gew\u00e4hrleisten?<\/p>\n<p>6. Kann der Anarchismus in der kommunistischen Gesellschaft, die er sich vorstellt, ohne soziale Institutionen auskommen? Wenn ja, mit welchen Mitteln? Wenn nein, welche sollte er anerkennen und nutzen und mit welchen Namen sie ins Leben rufen? Sollen Anarchisten eine f\u00fchrende, also verantwortungsvolle Funktion \u00fcbernehmen, oder sollen sie sich darauf beschr\u00e4nken, unverantwortliche Hilfskr\u00e4fte zu sein?<\/p>\n<p>Deine Antwort, lieber Malatesta, w\u00e4re f\u00fcr mich aus zwei Gr\u00fcnden von gro\u00dfer Bedeutung. Sie w\u00fcrde mir helfen, deine Sicht der Dinge in Bezug auf die Organisation der Anarchisten und der Bewegung im Allgemeinen besser zu verstehen. Und \u2013 seien wir ehrlich \u2013 deine Meinung wird von den meisten Anarchisten und Sympathisanten sofort und ohne jede Diskussion als die eines erfahrenen Militanten akzeptiert, der seinem libert\u00e4ren Ideal sein ganzes Leben lang fest treu geblieben ist. Es h\u00e4ngt also bis zu einem gewissen Grad von deiner Haltung ab, ob eine umfassende Untersuchung der dringenden Fragen, die diese Epoche f\u00fcr unsere Bewegung aufwirft, in Angriff genommen wird und ob ihre Entwicklung dadurch verlangsamt wird oder einen neuen Sprung nach vorne macht. Wenn wir in der Stagnation der Vergangenheit und Gegenwart verharren, wird unsere Bewegung nichts gewinnen. Im Gegenteil, es ist wichtig, dass sie angesichts der Ereignisse, die vor uns liegen, alle M\u00f6glichkeiten hat, ihre Aufgaben zu erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Ich lege gro\u00dfen Wert auf deine Antwort.<\/p>\n<p>1928 mit revolution\u00e4ren Gr\u00fc\u00dfen Nestor Makhno<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Malatesta\u2019s Antwort an Nestor Makhno<\/strong><\/p>\n<p>Lieber Gef\u00e4hrte<\/p>\n<p>ich habe endlich den Brief gesehen, den du mir vor mehr als einem Jahr geschickt hast. Darin ging es um meine Kritik an dem Projekt zur Organisation einer Allgemeinen Anarchistischen Union, das von einer Gruppe russischer Anarchisten im Ausland ver\u00f6ffentlicht wurde und in unserer Bewegung unter dem Namen \u201ePlattform\u201c bekannt ist.<\/p>\n<p>Da du meine Situation kennst, wirst du sicher verstehen, warum ich nicht geantwortet habe. Ich kann mich nicht so an den Diskussionen \u00fcber die Fragen beteiligen, die uns am meisten interessieren, weil die Zensur mich daran hindert, die als subversiv geltenden Publikationen oder die Briefe, die sich mit politischen und sozialen Themen befassen, zu erhalten, und nur nach langen Abst\u00e4nden und durch einen gl\u00fccklichen Zufall h\u00f6re ich das sterbende Echo dessen, was die Gef\u00e4hrten sagen und tun. So wusste ich zwar, dass die \u201ePlattform\u201c und meine Kritik daran breit diskutiert worden war, aber ich wusste wenig oder gar nichts dar\u00fcber, was gesagt worden war; und dein Brief ist das erste schriftliche Dokument zu diesem Thema, das ich zu Gesicht bekommen habe.<\/p>\n<p>Wenn wir frei korrespondieren k\u00f6nnten, w\u00fcrde ich dich bitten, bevor wir in die Diskussion eintreten, deine Ansichten zu erl\u00e4utern, die mir, vielleicht aufgrund einer unvollkommenen \u00dcbersetzung des Russischen ins Franz\u00f6sische, zum Teil etwas unklar erscheinen. Aber da die Dinge so sind, wie sie sind, werde ich auf das antworten, was ich verstanden habe, und hoffe, dass ich dann deine Antwort sehen kann.<\/p>\n<p>Du bist \u00fcberrascht, dass ich das Prinzip der kollektiven Verantwortung nicht akzeptiere, das du f\u00fcr ein grundlegendes Prinzip h\u00e4ltst, das die Revolution\u00e4re der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft leitet und leiten muss.<\/p>\n<p>Ich f\u00fcr meinen Teil frage mich, was dieser Begriff der kollektiven Verantwortung aus dem Munde eines Anarchisten \u00fcberhaupt bedeuten kann.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, dass das Milit\u00e4r die Angewohnheit hat, rebellische Soldaten oder Soldaten, die sich im Angesicht des Feindes schlecht verhalten haben, durch wahlloses Schie\u00dfen zu dezimieren. Ich wei\u00df, dass die Armeechefs keine Skrupel haben, D\u00f6rfer oder St\u00e4dte zu zerst\u00f6ren und die gesamte Bev\u00f6lkerung, einschlie\u00dflich der Kinder, zu massakrieren, weil jemand versucht hat, sich gegen eine Invasion zu wehren. Ich wei\u00df, dass die Regierungen im Laufe der Jahrhunderte auf verschiedene Weise mit dem System der kollektiven Verantwortung gedroht und es angewandt haben, um die Aufst\u00e4ndischen zu bremsen, Steuern zu verlangen usw.<\/p>\n<p>Und ich verstehe, dass dies ein wirksames Mittel zur Einsch\u00fcchterung und Unterdr\u00fcckung sein kann.<\/p>\n<p>Aber wie k\u00f6nnen Menschen, die f\u00fcr Freiheit und Gerechtigkeit k\u00e4mpfen, von kollektiver Verantwortung sprechen, wenn es ihnen nur um moralische Verantwortung gehen kann, egal ob materielle Sanktionen folgen oder nicht?!!!<\/p>\n<p>Wenn zum Beispiel in einem Konflikt mit einer bewaffneten feindlichen Macht der Mann neben mir als Feigling auftritt, kann er mir und allen anderen Schaden zuf\u00fcgen, aber die Schande kann nur er sein, weil ihm der Mut fehlt, die Rolle, die er auf sich genommen hat, durchzuhalten. Wenn in einer Verschw\u00f6rung ein Mitverschw\u00f6rer seine Gef\u00e4hrten verr\u00e4t und diese im Gef\u00e4ngnis landen, sind dann die Verratenen selbst f\u00fcr den Verrat verantwortlich?<\/p>\n<p>In der \u201ePlattform\u201c hei\u00dft es: \u201eDie gesamte Union ist f\u00fcr die politische und revolution\u00e4re T\u00e4tigkeit jedes Mitglieds verantwortlich; ebenso ist jedes Mitglied f\u00fcr die politische und revolution\u00e4re T\u00e4tigkeit der Union als Ganzes verantwortlich.\u201c<\/p>\n<p>L\u00e4sst sich das mit den Prinzipien der Autonomie und der freien Initiative vereinbaren, zu denen sich Anarchisten bekennen? Ich antwortete damals: \u201eAber wenn die Union f\u00fcr das verantwortlich ist, was jedes Mitglied tut, wie kann sie dann ihren einzelnen Mitgliedern und den verschiedenen Gruppen die Freiheit lassen, das gemeinsame Programm so anzuwenden, wie sie es f\u00fcr richtig halten? Wie kann man f\u00fcr eine Aktion verantwortlich sein, wenn man nicht die Mittel hat, sie zu verhindern? Deshalb m\u00fcsste die Union und in ihrem Namen der Exekutivausschuss die Aktionen der einzelnen Mitglieder \u00fcberwachen und ihnen befehlen, was sie zu tun und zu lassen haben; und da eine nachtr\u00e4gliche Missbilligung eine zuvor \u00fcbernommene Verantwortung nicht wiedergutmachen kann, k\u00f6nnte niemand etwas tun, bevor er nicht die Erlaubnis des Komitees eingeholt hat. Und andererseits: Kann ein Individuum die Verantwortung f\u00fcr die Aktionen eines Kollektivs \u00fcbernehmen, bevor es wei\u00df, was es tun wird, und wenn es nicht verhindern kann, dass es das tut, was es missbilligt?\u201c<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich akzeptiere und unterst\u00fctze ich die Ansicht, dass jeder, der sich mit anderen f\u00fcr ein gemeinsames Ziel zusammentut und zusammenarbeitet, das Bed\u00fcrfnis haben muss, seine Aktionen mit denen seiner Mitstreiter abzustimmen und nichts zu tun, was der Arbeit der anderen und damit der gemeinsamen Sache schadet; und die getroffenen Vereinbarungen einzuhalten \u2013 es sei denn, er m\u00f6chte die Assoziation aufrichtig verlassen, wenn aufkommende Meinungsverschiedenheiten oder ver\u00e4nderte Umst\u00e4nde oder Konflikte \u00fcber die bevorzugten Methoden eine Zusammenarbeit unm\u00f6glich oder unangemessen machen. Genauso wie ich behaupte, dass diejenigen, die diese Pflicht nicht f\u00fchlen und praktizieren, aus der Assoziation herausgeworfen werden sollten.<\/p>\n<p>Wenn du von kollektiver Verantwortung sprichst, meinst du vielleicht genau das Einvernehmen und die Solidarit\u00e4t, die zwischen den Mitgliedern einer Assoziation bestehen m\u00fcssen. Und wenn das so ist, dann ist dein Ausdruck meiner Meinung nach ein falscher Sprachgebrauch, aber im Grunde w\u00e4re das nur eine unwichtige Frage der Formulierung und man w\u00fcrde sich schnell einigen.<\/p>\n<p>Die wirklich wichtige Frage, die du in deinem Brief aufwirfst, betrifft die Funktion (\u201ele role\u201c) der Anarchisten in der sozialen Bewegung und die Art und Weise, wie sie diese aus\u00fcben wollen. Das ist eine Frage der Grundlagen, der raison d\u2019etre des Anarchismus, und man muss sich dar\u00fcber im Klaren sein, was man meint.<\/p>\n<p>Du fragst, ob Anarchisten (in der revolution\u00e4ren Bewegung und der kommunistischen Organisation der Gesellschaft) eine richtungsweisende und damit verantwortliche Rolle \u00fcbernehmen oder sich darauf beschr\u00e4nken sollen, unverantwortliche Hilfskr\u00e4fte zu sein.<\/p>\n<p>Deine Frage l\u00e4sst mich ratlos zur\u00fcck, weil es ihr an Pr\u00e4zision fehlt. Es ist m\u00f6glich, durch Ratschl\u00e4ge und Beispiele zu lenken und es den Menschen zu \u00fcberlassen, sich unsere Methoden und L\u00f6sungen zu eigen zu machen, wenn diese besser sind als die von anderen vorgeschlagenen und durchgef\u00fchrten. Es ist aber auch m\u00f6glich, zu lenken, indem man das Kommando \u00fcbernimmt, d.h. indem man eine Regierung wird und seine eigenen Ideen und Interessen mit polizeilichen Methoden durchsetzt. Auf welche Weise w\u00fcrdest du lenken wollen?<\/p>\n<p>Wir sind Anarchisten, weil wir glauben, dass die Regierung (jede Regierung) ein \u00dcbel ist und dass es ohne Freiheit nicht m\u00f6glich ist, Freiheit, Solidarit\u00e4t und Gerechtigkeit zu erlangen. Deshalb k\u00f6nnen wir keine Regierung anstreben und m\u00fcssen alles tun, um andere \u2013 Klassen, Parteien oder Individuen \u2013 daran zu hindern, die Macht zu \u00fcbernehmen und zu Regierungen zu werden. Die Verantwortung der Anf\u00fchrer, ein Begriff, mit dem du, wie mir scheint, garantieren willst, dass die \u00d6ffentlichkeit vor ihren Missbr\u00e4uchen und Fehlern gesch\u00fctzt wird, bedeutet f\u00fcr mich nichts. Diejenigen, die an der Macht sind, sind nur dann wirklich verantwortlich, wenn sie mit einer Revolution konfrontiert werden, und eine Revolution k\u00f6nnen wir nicht jeden Tag machen, und in der Regel wird sie erst gemacht, wenn die Regierung schon alles B\u00f6se getan hat, was sie kann.<\/p>\n<p>Du wirst verstehen, dass ich keineswegs der Meinung bin, dass Anarchisten sich damit zufrieden geben sollten, einfache Hilfskr\u00e4fte anderer Revolution\u00e4re zu sein, die, da sie keine Anarchisten sind, nat\u00fcrlich danach streben, die Regierung zu werden.<\/p>\n<p>Im Gegenteil, ich glaube, dass wir Anarchisten, die von der G\u00fcltigkeit unseres Programms \u00fcberzeugt sind, danach streben m\u00fcssen, einen \u00fcberw\u00e4ltigenden Einfluss zu gewinnen, um die Bewegung zur Verwirklichung unserer Ideale zu bewegen. Aber dieser Einfluss muss gewonnen werden, indem wir mehr und besser als andere tun, und er ist nur dann n\u00fctzlich, wenn er auf diese Weise gewonnen wird.<\/p>\n<p>Heute m\u00fcssen wir unsere Ideen vertiefen, weiterentwickeln und verbreiten und unsere Kr\u00e4fte in einer gemeinsamen Aktion koordinieren. Wir m\u00fcssen innerhalb der Arbeiterbewegung handeln, um zu verhindern, dass sie sich auf das ausschlie\u00dfliche Streben nach kleinen, mit dem kapitalistischen System kompatiblen Verbesserungen beschr\u00e4nkt und dadurch korrumpiert wird; und wir m\u00fcssen so handeln, dass sie dazu beitr\u00e4gt, eine vollst\u00e4ndige gesellschaftliche Transformation vorzubereiten. Wir m\u00fcssen mit den unorganisierten und vielleicht unorganisierbaren Massen zusammenarbeiten, um den Geist der Revolte und den Wunsch und die Hoffnung auf ein freies und gl\u00fcckliches Leben zu wecken. Wir m\u00fcssen alle Bewegungen initiieren und unterst\u00fctzen, die darauf abzielen, die Kr\u00e4fte des Staates und des Kapitalismus zu schw\u00e4chen und das geistige Niveau und die materiellen Bedingungen der Arbeiter zu verbessern. Kurz gesagt, wir m\u00fcssen uns moralisch und materiell auf den revolution\u00e4ren Akt vorbereiten, der den Weg in die Zukunft \u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Und dann, in der Revolution, m\u00fcssen wir uns energisch (wenn m\u00f6glich fr\u00fcher und effektiver als die anderen) am wesentlichen materiellen Kampf beteiligen und ihn bis zur \u00e4u\u00dfersten Grenze vorantreiben, um alle repressiven Kr\u00e4fte des Staates zu zerst\u00f6ren. Wir m\u00fcssen die Arbeiter ermutigen, sich die Produktionsmittel (Land, Bergwerke, Fabriken und Werkst\u00e4tten, Transportmittel usw.) und die Lagerbest\u00e4nde an hergestellten Waren anzueignen; sie m\u00fcssen sofort aus eigener Kraft eine gerechte Verteilung von Konsumg\u00fctern organisieren und gleichzeitig Produkte f\u00fcr die Versorgung des Handels zwischen den Gemeinden und Regionen sowie f\u00fcr die Fortsetzung und Intensivierung der Produktion und aller f\u00fcr die Allgemeinheit n\u00fctzlichen Dienstleistungen liefern. Wir m\u00fcssen die Aktionen der Assoziationen der Arbeiter, der Genossenschaften, der freiwilligen Gruppen auf jede erdenkliche Weise und je nach den \u00f6rtlichen Gegebenheiten und M\u00f6glichkeiten f\u00f6rdern, um das Entstehen neuer autorit\u00e4rer M\u00e4chte, neuer Regierungen zu verhindern, ihnen notfalls mit Gewalt entgegenzutreten, sie aber vor allem nutzlos zu machen. Und dort, wo wir keinen ausreichenden Konsens im Volk finden und die Wiedererrichtung des Staates mit seinen autorit\u00e4ren Institutionen und Zwangsorganen nicht verhindern k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir uns weigern, an ihm teilzunehmen oder ihn anzuerkennen, indem wir uns gegen seine Zumutungen auflehnen und volle Autonomie f\u00fcr uns und alle dissidenten Minderheiten fordern. Mit anderen Worten: Wir m\u00fcssen in einem tats\u00e4chlichen oder potenziellen Zustand der Rebellion bleiben und, wenn wir schon in der Gegenwart nicht gewinnen k\u00f6nnen, so m\u00fcssen wir uns zumindest auf die Zukunft vorbereiten. Ist es das, was auch du mit der Rolle meinst, die Anarchisten bei der Vorbereitung und Durchf\u00fchrung der Revolution \u00fcbernehmen sollten?<\/p>\n<p>Nach dem, was ich \u00fcber dich und deine Arbeit wei\u00df, bin ich geneigt zu glauben, dass du das tust.<\/p>\n<p>Aber wenn ich sehe, dass es in der Union, die du unterst\u00fctzt, ein Exekutivkomitee gibt, das die Assoziation ideologisch und organisatorisch leitet, beschleicht mich der Zweifel, dass auch du in der allgemeinen Bewegung ein zentrales Organ sehen m\u00f6chtest, das in autorit\u00e4rer Weise das theoretische und praktische Programm der Revolution vorgibt.<\/p>\n<p>Wenn das so ist, sind wir weit voneinander entfernt.<\/p>\n<p>Deine Organisation oder deine Leitungsorgane k\u00f6nnen aus Anarchisten bestehen, aber sie w\u00fcrden nichts anderes als eine Regierung werden. In der festen \u00dcberzeugung, dass sie f\u00fcr den Sieg der Revolution notwendig sind, w\u00fcrden sie vorrangig daf\u00fcr sorgen, dass sie gut genug aufgestellt und stark genug sind, um ihren Willen durchzusetzen. Sie w\u00fcrden also bewaffnete Korps zur materiellen Verteidigung und eine B\u00fcrokratie zur Ausf\u00fchrung ihrer Befehle schaffen und dabei die Volksbewegung l\u00e4hmen und die Revolution t\u00f6ten.<\/p>\n<p>Das ist es, was meiner Meinung nach mit den Bolschewiki passiert ist.<\/p>\n<p>Das ist es. Ich glaube, das Wichtigste ist nicht der Sieg unserer Pl\u00e4ne, unserer Projekte, unserer Utopien, die auf jeden Fall die Best\u00e4tigung durch die Erfahrung brauchen und durch die Erfahrung modifiziert, weiterentwickelt und an die realen moralischen und materiellen Bedingungen der Zeit und des Ortes angepasst werden k\u00f6nnen. Das Wichtigste ist, dass die Menschen, M\u00e4nner und Frauen, die schaf\u00e4hnlichen Instinkte und Gewohnheiten verlieren, die ihnen Tausende von Jahren der Sklaverei eingeimpft haben, und lernen, frei zu denken und zu handeln. Und diesem gro\u00dfen Werk der moralischen Befreiung m\u00fcssen sich Anarchisten besonders widmen.<\/p>\n<p>Ich danke dir f\u00fcr die Aufmerksamkeit, die du meinem Brief geschenkt hast, und in der Hoffnung, weiter von dir zu h\u00f6ren, sende ich dir meine herzlichen Gr\u00fc\u00dfe.<\/p>\n<p>Risveglio (Genf), Dezember 1929<\/p>\n<hr \/>\n<p>Venomous Butterfly Publications<\/p>\n<p>818 SW 3rd Avenue, PMB 1237 Portland, OR 97204 USA<\/p>\n<p><em>Email: <a href=\"mailto:acraticus@angrynerds.com\">acraticus@angrynerds.com<\/a><\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hier eine Brosch\u00fcre von Venomous Butterfly Publications, \u201aHow Anarchist is the Platform?\u2018, die \u00dcbersetzung ist von uns. 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