{"id":253,"date":"2024-08-23T21:45:21","date_gmt":"2024-08-23T19:45:21","guid":{"rendered":"https:\/\/anarchistischebuechermesse.noblogs.org\/?p=253"},"modified":"2024-08-23T21:45:21","modified_gmt":"2024-08-23T19:45:21","slug":"fuer-einen-revolutionaeren-anarchismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anarchistischebuechermesse.noblogs.org\/?p=253","title":{"rendered":"F\u00fcr einen revolution\u00e4ren Anarchismus"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcbernommen von der <a href=\"https:\/\/panopticon.noblogs.org\/post\/2024\/08\/15\/fuer-einen-revolutionaeren-anarchismus\/\">Soligruppe f\u00fcr Gefangene<\/a>:<\/p>\n<p>Auf <a href=\"https:\/\/www.autistici.org\/tridnivalka\/wp-content\/uploads\/Brochure-MpM-French.pdf\">Tridni Valka<\/a> gefunden, auf Bitte der Verfassende f\u00fcr die Anarchistische Buchmesse Berlin-Kreuzberg 2024 \u00fcbersetzt, ein weiterer inhaltlicher Beitrag, die \u00dcbersetzung ist von uns.<\/p>\n<p>F\u00fcr einen revolution\u00e4ren Anarchismus (Diskussionen und Weiterf\u00fchrungen)<\/p>\n<p>Die Ver\u00f6ffentlichung des Buches \u201ePour un anarchisme r\u00e9volutionnaire\u201c (Ed. L\u2019Echapp\u00e9e, 2021) war eine Gelegenheit, viele Gef\u00e4hrten zu treffen und viele Diskussionen zu f\u00fchren. Diese Brosch\u00fcre ist von diesen Gespr\u00e4chen inspiriert. Sie greift die Fragen auf, die am h\u00e4ufigsten gestellt wurden, und stellt das Wesentliche dessen dar, was anschlie\u00dfend gesagt wurde.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Das Folgende ist also keine Zusammenfassung des Buches. Die meisten der folgenden Vorschl\u00e4ge waren bereits im Buch enthalten, wurden aber erst im Laufe der Diskussionen, Bemerkungen und Kritiken, die an dem Buch ge\u00e4u\u00dfert wurden, konkretisiert und pr\u00e4zisiert.<\/p>\n<p>Wir hoffen, dass diese Brosch\u00fcre die Gelegenheit bietet, diesen Austausch fortzusetzen und unsere \u00dcberlegungen in den kommenden K\u00e4mpfen zu n\u00e4hren\u2026<\/p>\n<p>Mur par Mur April 2022<\/p>\n<p>Warum sprechen wir von einer \u201eanarchistischen Revolution\u201c und worin besteht sie?<\/p>\n<p>Wir gehen von einer doppelten Feststellung aus: Einerseits haben viele Anarchistinnen und Anarchisten den Weg des Desertierens, der Bildung alternativer Gemeinschaften eingeschlagen und sich damit von einem revolution\u00e4ren Diskurs und der Suche nach revolution\u00e4ren Praktiken entfernt. Und auf der anderen Seite ist die Frage der Revolution in den letzten zehn Jahren wieder auf den Tisch gekommen. Vor diesem Hintergrund wollten wir vor allem die Notwendigkeit und die M\u00f6glichkeit der Revolution bekr\u00e4ftigen. Aber von da an stellt sich die Frage, was wir hinter diesem Begriff stellen. Das ist im \u00dcbrigen eine Frage, die sich viele Menschen stellen. In den letzten Jahren hat sich einiges getan: Wenn heute auf der Stra\u00dfe revolution\u00e4re Flugbl\u00e4tter oder Zeitungen verteilt werden, nehmen das viele Menschen ernst, interessieren sich daf\u00fcr und wollen mehr dar\u00fcber wissen. Das war vor einigen Jahren noch nicht der Fall (es gibt ein \u201evor\u201c und ein \u201enach\u201c der Gelbwesten-Bewegung (Gilets Jaunes)). Die Fragen, die am h\u00e4ufigsten gestellt werden, sind: Um welche Revolution handelt es sich? Wie kann man gewinnen? Was bedeutet das? Wie weit m\u00fcssen wir gehen? Was m\u00fcssen wir zerst\u00f6ren, und was m\u00fcssen wir aufbauen?<\/p>\n<p>Diese Fragen stellen wir uns auch. Wir haben dieses Buch mit dem Ziel geschrieben, sie zu erkl\u00e4ren und zu versuchen, einige Vorschl\u00e4ge zu machen. In diesem Sinne sprechen wir von einer anarchistischen Revolution. Denn der Anarchismus, genauer gesagt der Anarchistische Kommunismus (oder Libert\u00e4re Kommunismus), hat sich diesen Fragen sowohl in der Praxis als auch in der Theorie gestellt. Er erm\u00f6glicht es, eine soziale Revolution anzustreben, die nicht zu einer anderen Form des Autoritarismus, zur Produktion einer neuen \u00d6konomie oder zu einem Staatskapitalismus f\u00fchrt, wie wir es in der UdSSR gesehen haben.<\/p>\n<p>Was wir eine anarchistische Revolution nennen, ist nicht eine Revolution, die von Anarchistinnen und Anarchisten gemacht wird, sondern eine Revolution, die auf die Zerst\u00f6rung von Macht abzielt \u2013 und nicht auf ihre \u00dcbernahme. Im Grunde liegt hier der wesentliche Unterschied: Es geht darum, in einer einzigen Bewegung den Kapitalismus und den Staat und durch sie die Ausbeutung und die Macht zu zerst\u00f6ren. Die anarchistische Revolution zielt nicht darauf ab, den Staat zu benutzen, um den Kapitalismus zu zerschlagen. Sie zielt vielmehr darauf ab, den Staat zu zerst\u00f6ren, da dieser das Herzst\u00fcck der kapitalistischen \u00d6konomie ist. Wir k\u00f6nnen die \u00d6konomie der Ausbeutung nicht loswerden, ohne den Staat zu zerst\u00f6ren. Wir gehen an mehreren Stellen im Buch auf diese intime und zentrale Verbindung zwischen Staat und Kapitalismus ein, um zu zeigen, dass der moderne Staat das Instrument der wirtschaftlichen Ausbeutung ist.<\/p>\n<p>Dies ist heute besonders eklatant, da die Staaten einen Gro\u00dfteil ihrer St\u00e4rke und Handlungsf\u00e4higkeit ihrem Platz auf den Finanzm\u00e4rkten verdanken: ihrer F\u00e4higkeit, sich zu verschulden. Das Vertrauen, das es einem Staat erm\u00f6glicht, leicht Geld geliehen zu bekommen, h\u00e4ngt jedoch von seiner F\u00e4higkeit ab, die Bedingungen f\u00fcr die Zirkulation, Akkumulation und Schaffung zuk\u00fcnftiger Werte zu garantieren. Diese Garantie ist nichts anderes als die Garantie der Bedingungen, die f\u00fcr den Kapitalismus notwendig sind. In letzter Instanz wird diese Garantie an der F\u00e4higkeit eines Staates gemessen, die Bev\u00f6lkerung zu zwingen, f\u00fcr die Kapitalisten zu arbeiten. Von daher kann der Staat gar nicht anders, als die Ausbeutung aufrechtzuerhalten. Das ist sowohl sein Ziel als auch das, woraus er seine St\u00e4rke zieht. Um die \u00d6konomie mit ihrem Elend, ihrer Konkurrenz und ihrer st\u00e4ndigen Kriegs\u00f6konomie zu beenden, ist die Macht des Staates in der Realit\u00e4t ein Hindernis, ganz gleich, wer ihn f\u00fchrt. Denn der Staat beruht auf der Schaffung von \u00f6konomischem Wert durch Arbeitszwang. Es gibt keinen Staat ohne eine Klassenteilung der Gesellschaft und damit ohne die Ausbeutung des gr\u00f6\u00dften Teils der Bev\u00f6lkerung, um die ausbeutenden und herrschenden Klassen zu unterhalten.<\/p>\n<p>Heute, da die politischen Parteien und Wahlen wie ausgestorben sind und niemand mehr ernsthaft glaubt, dass der Kapitalismus uns anderswohin als gegen die Wand fahren wird, schwebt die revolution\u00e4re Frage wieder in der Luft. In Frankreich hat sie sich mit den Gelbwesten gestellt, und sie wird sich wieder stellen. Aber wir beobachten Aufst\u00e4nde auf der ganzen Welt: in Chile, Hongkong, Kolumbien, im Libanon, in den USA, in Kasachstan und so weiter. Es sind diese Bewegungen in der Praxis, durch die wir die Wege aufzeigen k\u00f6nnen, die uns zum Sieg der sozialen Revolution f\u00fchren. Die allgemeine Perspektive kann jedoch so formuliert werden: Die \u00dcberwindung der staatlichen Macht und Ordnung und die Zerst\u00f6rung der \u00d6konomie, um eine soziale Beziehung zu erfinden, in der wir unsere Existenz durch unermessliche gegenseitige Hilfe und Teilen reproduzieren, und nicht durch kapitalistische Produktion.<\/p>\n<p>Innerhalb dieser Aufst\u00e4nde geht es darum, ihre Dynamik zu erkennen: Gibt es Praktiken und Diskurse, die die F\u00e4higkeit haben, \u00fcber die blo\u00dfe Forderung nach Reformen oder Verhandlungen hinauszugehen? Diese Praktiken zu vereinen und zu unterst\u00fctzen ist der beste Weg, um die revolution\u00e4re Kraft der Bewegungen zu steigern. Daher glauben wir, dass die Rolle der Revolution\u00e4re darin besteht, Initiativen in diese Richtung zu tragen, aber auch Praktiken zu verbreiten, die anderswo funktioniert haben, und die Geschichte und die internationale Aktualit\u00e4t des Klassenkampfes lebendig zu halten. All dies, ohne zu versuchen, einen weiteren politischen Laden zu bilden. Die einzige Partei der Anarchistinnen und Anarchisten ist die der Revolution. Nur weil eine politische Partei oder eine Gewerkschaft\/Syndikat vorgibt, revolution\u00e4r zu sein, hei\u00dft das nicht, dass sie in den K\u00e4mpfen nicht ein Hindernis darstellt, das es zu \u00fcberwinden gilt. Die Rahmung des Kampfes durch Parteien und Gewerkschaften\/Syndikate hat noch nie etwas anderes hervorgebracht als Niederlagen durch Verhandlungen und den Aufstieg einiger weniger Personen, die sich einer Fraktion der herrschenden Klasse anschlie\u00dfen konnten.<\/p>\n<p>Die anarchistische Revolution ist daher diejenige, die die Ausbeutung sowie die Macht und ihre Vertreter zerst\u00f6rt, einschlie\u00dflich der Tendenzen innerhalb der Bewegung, die gerne die Vertreter der Revolution werden w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Was w\u00fcrde ein Sieg bedeuten? Wie w\u00fcrde eine anarchistische Welt aussehen? Das ist nicht von vornherein gegeben. Der libert\u00e4re Kommunismus ist auch eine Art, das Leben anders zu betrachten, aber er \u00f6ffnet uns f\u00fcr das Unbekannte: eine Welt ohne Arbeit, ohne \u00d6konomie, ohne herrschende Klasse, ohne Staaten\u2026 Diese Welt wird vor allem von denen geschaffen werden, die die Revolution machen, mit allem, was das an internationaler Resonanz und kultureller Umw\u00e4lzung mit sich bringt. Die Revolution ist jedoch nicht das Ende der Geschichte. Im Gegenteil, sie ist vielmehr ein Anfang. Es geht nicht nur darum, die Welt so zu ver\u00e4ndern, wie sie ist, sondern auch darum, eine Welt zu erm\u00f6glichen, die frei von Macht und \u00d6konomie ist \u2013 und von deren Zw\u00e4ngen, die m\u00f6gliche historische Entwicklungen beeinflussen. Revolution bedeutet also auch, das zu zerst\u00f6ren, was uns daran hindert, die Welt umzugestalten, und was jedes Streben nach Ver\u00e4nderung, jede Alternative, so gut sie auch gemeint sein mag, in den Scho\u00df des Kapitalismus und des Staates zur\u00fcckf\u00fchrt.<\/p>\n<p>In den letzten Jahren haben wir eine St\u00e4rkung des Staatsapparats erlebt. Ist die Aussicht auf eine anarchistische Revolution nicht in weite Ferne ger\u00fcckt?<\/p>\n<p>Die Covid-19-Pandemie bzw. die staatliche Verwaltung der Pandemie bot den Staaten die Gelegenheit, einen weiteren Schritt in Richtung einer autorit\u00e4ren Wende zu machen, die sich bereits zuvor weitgehend abgezeichnet hatte. Der Ausnahmezustand wurde vom \u201eAntiterrorismus\u201c zum \u201eGesundheitszustand\u201c (ohne jedoch die \u201eAntiterrorismus\u201c-Dimension der Rechtfertigung f\u00fcr die sicherheitspolitische Flucht nach vorn aufzuheben). Es ist nicht verwunderlich, dass diese sicherheitspolitische Flucht nach vorn durch das vom Kapitalismus entwickelte technologische Arsenal erfolgt, das den Staaten (die sich diese leisten k\u00f6nnen) eine immer perfektere und invasivere \u00dcberwachungs-, Kontroll- und Unterdr\u00fcckungsmacht zur Verf\u00fcgung stellt. Die Pandemie bot auch die Gelegenheit, eine ganze Reihe von digitalen Technologien in der Welt der (Tele-)Arbeit durchzusetzen: (Tele-)Medizin, (Tele-)Bildung, (Tele-)Verwaltung usw., wodurch die gro\u00dfen digitalen Plattformen, GAFAM und andere, zu den derzeit weltweit f\u00fchrenden Unternehmen der kapitalistischen \u00d6konomie aufgestiegen sind. Letztendlich ist das nicht \u00fcberraschend, denn alles, was wir w\u00e4hrend der Pandemie so schnell wachsen sahen, war eindeutig schon vor der Pandemie im Gange. Die Pandemie war nur eine Beschleunigung der sicherheitstechnischen Tendenzen des heutigen Kapitalismus.<\/p>\n<p>Aus dieser Perspektive ist es klar, dass der Staat sich darauf vorbereitet, Offensiven, die sich gegen ihn richten k\u00f6nnten, zu unterdr\u00fccken. Er st\u00e4rkt und erweitert das Polizeiarsenal, versch\u00e4rft die Gesetze, die Arbeitsbedingungen usw. Diese massive Verst\u00e4rkung des repressiven Arsenals l\u00e4sst erkennen, dass der Staat zur Kenntnis nimmt, dass es f\u00fcr ihn immer schwieriger wird, den sozialen Frieden zu kaufen. Vor allem nach Macrons \u201eWas auch immer es kostet\u201c, das nach der Bereicherung der Arbeitgeber und der vor\u00fcbergehenden Aufrechterhaltung des sozialen Friedens nun die \u201eCovid-Schulden\u201c zur Schuldenkrise hinzugef\u00fcgt hat, die seit 2008 kein Ende nehmen will. Die kleine Musik der Austerit\u00e4t wird still und leise wieder zum Leben erweckt, aber mit den Milliarden der \u201eCovid-Schulden\u201c als Zugabe. Die R\u00fcckzahlung der Schulden ist nat\u00fcrlich eine Fata Morgana. Es geht vielmehr darum, dass der Staat weiterhin Schulden machen kann. Und dazu muss er beweisen, dass er ein guter Verwalter der Profitabsch\u00f6pfung ist. Das hei\u00dft, der Staat muss zeigen, dass er in der Lage ist, die notwendigen Bedingungen f\u00fcr die Zirkulation, Investition und Verwertung von Kapital in dem von ihm verwalteten \u00f6konomischen Gebiet zu produzieren und aufrechtzuerhalten. Dieser Beweis wird durch die Versch\u00e4rfung der Ausbeutungsbedingungen (die eine Erh\u00f6hung der Ausbeutungsrate erm\u00f6glicht) erbracht: Sparma\u00dfnahmen, Angriffe auf die direkten oder indirekten L\u00f6hne (Arbeitslosigkeit, soziale Mindeststandards, Renten), Reform des Arbeitsrechts, die eine st\u00e4rkere Extraktion von Mehrwert erm\u00f6glicht usw., alles mit dem Ziel, f\u00fcr die Kapitalisten akzeptable Profitraten aufrechtzuerhalten. Alles deutet darauf hin, dass wir auf eine Versch\u00e4rfung der Ausbeutung zusteuern und dass der Staat sich darauf vorbereitet, dies mit Gewalt durchzusetzen. Die autorit\u00e4re St\u00e4rkung der Staaten ist eine Form der Verbunkerung, mit der versucht wird, Aufst\u00e4nde niederzuschlagen. Und das geschieht in einem viel gr\u00f6\u00dferen Ma\u00dfstab als nur in Frankreich.<\/p>\n<p>In j\u00fcngster Zeit ist der Krieg wieder auf die europ\u00e4ische B\u00fchne zur\u00fcckgekehrt und bietet den Staaten die Gelegenheit, ihren Repressionsapparat zu st\u00e4rken, Nationalismen zu versch\u00e4rfen und die R\u00fcstungsindustrie anzukurbeln. Mehr noch, man kann eine der Dimensionen des russischen Angriffs auf die Ukraine als eine \u201ePolizeioperation\u201c zur Unterdr\u00fcckung von Aufst\u00e4nden in der russischen Einflusssph\u00e4re (Wei\u00dfrussland 2020, Kasachstan 2022) betrachten1.<\/p>\n<p>Daher spiegelt diese Verbunkerung auch einen Zustand des Kapitalismus heute wider: Wir befinden uns in einem Moment, in dem sich der antagonistische Klassengegensatz verh\u00e4rtet und damit entlarvt wird. Der Klassenkampf tritt somit wieder in den Vordergrund. Nur sind die integrativen F\u00e4higkeiten des Kapitalismus begrenzt. Es kommt zu einer Massifizierung von unterbezahlten oder prek\u00e4ren Jobs, mit der R\u00fcckkehr der Tagel\u00f6hnerei und der Akkordarbeit durch den Plattformkapitalismus, insbesondere durch die Explosion der von Plattform-Digital gesteuerten Lieferung in \u201eSelbst\u00e4ndigkeit\u201c. Die Prekarit\u00e4t betrifft auch Menschen mit unbefristeten Arbeitsvertr\u00e4gen, die aufgrund ihrer Verschuldung nicht mehr \u00fcber die Runden kommen. Die Idee, dass Arbeit ein Vektor der Sozialisierung oder der Selbstverwirklichung ist, hat ausgedient. Denn Arbeit bedeutet Arbeit im Kapitalismus, der immer massiver als historische Sackgasse erkannt wird \u2013 im wahrsten Sinne des Wortes unlebbar. Die Integration durch Arbeit befindet sich in einer Krise.<\/p>\n<p>Aber auch, und vielleicht vor allem, haben der Kapitalismus und der Staat gro\u00dfe Schwierigkeiten, den Kampf der Proletarier zu integrieren, d.h. die Bewegungen, ja sogar die Aufst\u00e4nde, in den Scho\u00df der Reproduktion des Kapitals zur\u00fcckzuholen: Die Gewerkschaften\/Syndikate schaffen es nicht mehr, einen Puffer zwischen den K\u00e4mpfen und dem Staat zu bilden. Wir erleben eine Weigerung der aktuellen Bewegungen, sich von politischen Figuren repr\u00e4sentieren zu lassen, die die Felder des M\u00f6glichen und des Unm\u00f6glichen diktieren, indem sie die ewige Niederlage aushandeln. Die politische Integration befindet sich in einer Krise.<\/p>\n<p>Es ist schwer zu sagen, ob die anarchistische Revolution in die Ferne r\u00fcckt oder n\u00e4her r\u00fcckt. Aber es ist klar, dass die aktuellen Bedingungen des Kapitalismus und seiner Krisen (die Krise der Integration durch Arbeit, die Krise der politischen Repr\u00e4sentation und die Ablehnung von Gewerkschaften\/Syndikate und politischen Parteien als Vermittler von K\u00e4mpfen gegen den Staat) historische Bedingungen schaffen, in denen der Vorschlag einer anarchistischen Revolution potenziell h\u00f6rbar gemacht wird, und zwar auf eine bisher unbekannte Art und Weise. Dar\u00fcber hinaus deutet der Zyklus internationaler Aufst\u00e4nde, den wir in den letzten Jahren erlebt haben, eher auf eine Vertiefung der revolution\u00e4ren (realen) Bewegung hin. Wir erleben zum Beispiel eine deutliche \u00dcberwindung des Gegensatzes zwischen Gewalt und Nicht-Gewalt in den Aufst\u00e4nden auf der ganzen Welt. Wir erleben auch einen Austausch zwischen den Bewegungen auf internationaler Ebene. So haben sich die Aufst\u00e4nde in den USA und in Frankreich von den Techniken der Konfrontation inspirieren lassen, die man in Hongkong gesehen hat. In j\u00fcngerer Zeit hat der j\u00fcngste Aufstand in Kolumbien (im Fr\u00fchjahr 2021) Praktiken aufgegriffen, die in Chile, den USA und Frankreich gesehen wurden. In diesem Zusammenhang sei auf das sehr gute Buch \u201eSoul\u00e8vement\u201c von Mirasol verwiesen, das sich speziell mit diesem Thema befasst.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist diese revolution\u00e4re Vertiefung der Dynamik der aktuellen Bewegungen kein langer ruhiger Fluss. Und man muss feststellen, dass die Bewegung gegen den Gesundheitspass weder die Offensivit\u00e4t noch die revolution\u00e4re Dynamik getragen hat, die man bei den Gelbwesten sehen konnte. Aber die Bedingungen der Krise des Kapitalismus und eines revolution\u00e4ren Aufstands sind unserer Meinung nach sehr aktuell.<\/p>\n<p>Als Ausgebeutete, als Proletarier sind wir isoliert und atomisiert. Die Arbeiterinnen- und Arbeiterorganisationen sind tot oder sehr schwach. Woher kann also die revolution\u00e4re Kraft kommen?<\/p>\n<p>Lange Zeit wurde der Klassenantagonismus im Sinne eines Kampfes der Arbeit gegen das Kapital verstanden. Die Geschichte der Arbeiterbewegung ist von dieser Ideologie gepr\u00e4gt, die weitgehend von den Kadern der Gewerkschaften\/Syndikate und der \u201erevolution\u00e4ren\u201c Parteien produziert und gepflegt wurde. Die Revolution wurde als der Aufstieg der Arbeiterinnen und Arbeiter und der Arbeit gegen die Kapitalisten und das Kapital gesehen. Von daher bestand die Revolution in der Fortsetzung der Arbeit, aber (angeblich) ohne den Kapitalismus. Sozialismus, kollektives Eigentum an Produktionsmitteln und Arbeitsplanung w\u00fcrden den Kapitalismus und die Konkurrenz ersetzen. Diese Auffassung ist eine Sackgasse. Sie kann \u201ebestenfalls\u201c nur zu einer Form des selbstverwalteten Kapitalismus oder zu einem Staatskapitalismus f\u00fchren. Und in beiden w\u00fcrde es nicht lange dauern, bis die Bedingungen des Wettbewerbs wieder aufleben w\u00fcrden. In Wirklichkeit m\u00fcssen wir, wenn wir den Kapitalismus zerst\u00f6ren wollen, das zerst\u00f6ren, was seinen Kern ausmacht: die Arbeit. Das gesamte Werk von Marx geht in diese Richtung: Die Grundlage des Wertes ist die Arbeit. Und das Privateigentum abzuschaffen, ohne den Wert abzuschaffen, ist eine Sackgasse. Nat\u00fcrlich m\u00fcssen wir den Kapitalismus niederrei\u00dfen, aber daf\u00fcr reicht es nicht, nur einen seiner F\u00fc\u00dfe niederzurei\u00dfen: das Kapital (d.h. den akkumulierten Reichtum, das Privateigentum an Produktionsmitteln und die Warenzirkulation, um es kurz zu machen). Wir m\u00fcssen auch die Art und Weise niederrei\u00dfen, wie dieser Wert hergestellt wird: die Arbeit. Die Revolution besteht also darin, den Staat, der die Gesellschaft des Kapitals und den Zwang zur Arbeit organisiert, zu zerst\u00f6ren, die kapitalistische Produktion r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen und einen Weg zu finden, wie wir gemeinsam etwas tun und nicht nur arbeiten. Solange wir die Quantifizierung einer spezifischen Zeit, die der Produktion gewidmet ist, im Hinblick auf eine Entlohnung (in welcher Form auch immer, Arbeitsgutscheine, Konsumgutscheine, Zeitbank, Tauschhandel, alternative W\u00e4hrungen usw.) beibehalten, werden wir den Keim der Konkurrenz und des Tausches beibehalten. Wir m\u00fcssen die Arbeit als spezifische Zeitsph\u00e4re der Produktion zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p>Aber es wird das Proletariat sein, das die Revolution machen wird, obwohl es nicht dazu bestimmt ist. Die Revolution ist keine Sache des Schicksals, sondern eine Sache des Bruchs. In dem Buch stellen wir die bereits von Bakunin angesprochene Bedeutung des revolution\u00e4ren Aktes und der revolution\u00e4ren Zielsetzung wieder in den Mittelpunkt der revolution\u00e4ren Frage. Wir glauben nicht, dass der Kapitalismus die Bedingungen f\u00fcr seine eigene \u00dcberwindung allein hervorbringt. Die revolution\u00e4re Dynamik muss au\u00dferhalb dessen gesucht werden, was die Dynamik des Kapitalismus ausmacht. Das \u201eProletariat\u201c, wie es im Allgemeinen verstanden wird, d.h. als Synonym f\u00fcr \u201edie Arbeiterklasse\u201c, ist ein Produkt des Kapitalismus. Es ist die Bedingung f\u00fcr die Ausgebeuteten, f\u00fcr diejenigen, die nur ihre Arbeitskraft verkaufen m\u00fcssen, um zu \u00fcberleben. Das sind die Proletarier als Ausgebeutete.<\/p>\n<p>Wenn wir also sagen, dass es das Proletariat ist, das die Revolution machen wird, dann sprechen wir nicht nur von diesem ausgebeuteten Proletariat. Wir sprechen nicht von einem Proletariat, das eine soziologische Gegebenheit oder eine Identit\u00e4t innerhalb der Reproduktion der Kapitalgesellschaft w\u00e4re. Wir sprechen vom Proletariat, das sich als revolution\u00e4re Klasse konstituiert, in einer offensiven Bewegung gegen seine Existenzbedingungen im Kapitalismus. Das revolution\u00e4re Proletariat konstituiert sich also in einer Dynamik, die antinomisch zu den Existenzbedingungen der sozialen Klassen ist. Diese Konstituierung erfolgt nicht auf der Grundlage einer soziologischen Bedingung oder einer vorherigen Identit\u00e4t, sondern auf der Grundlage der Identifikation mit einer Bewegung, die die Interessen der Kapitalisten und den Staat materiell angreift. Nat\u00fcrlich kann eine solche Bewegung nur aus der Klasse der Ausgebeuteten, der \u201eProletarier\u201c im klassischen Sinne des Wortes, kommen. Denn nur die Ausgebeuteten sind in der Position, dass sie, um sich von ihren Ketten (denen der Ausbeutung durch Arbeit) zu befreien, die gesamte kapitalistische Gesellschaft zerst\u00f6ren m\u00fcssen. Und nat\u00fcrlich ist es nicht die Bourgeoisie, die den Kapitalismus zerschlagen wird.<\/p>\n<p>In der revolution\u00e4ren Perspektive geht es um die Dynamik der Aufst\u00e4nde dieser Klasse der Ausgebeuteten-Proletarier. Sobald eine Bewegung in Gang gesetzt ist, ist das, was die Bildung einer revolution\u00e4ren Kraft erm\u00f6glichen kann, eine Dynamik, die sich in der Bewegung entfaltet und auf die radikale Infragestellung der Ausbeutung, d.h. der Existenzbedingungen der sozialen Klassen, gerichtet ist. Dann kann eine revolution\u00e4re Kraft Gestalt annehmen und an St\u00e4rke gewinnen.<\/p>\n<p>Die Frage, wie die Revolution zustande kommen kann, kann nat\u00fcrlich erst beantwortet werden, wenn sie stattgefunden hat. Denn die Form der Revolution wird von der Bewegung und den Praktiken abh\u00e4ngen, die historisch das Entstehen und die Ausweitung ihrer Kraft erm\u00f6glicht haben. Dennoch k\u00f6nnen wir es wagen, einige logische Punkte zu nennen: \u2013 Die Dynamik eines revolution\u00e4ren \u00dcberschreitens entsteht aus den Praktiken innerhalb einer Bewegung \u2013 und nicht aus Ideologien oder Forderungen. \u2013 Die Entstehung eines revolution\u00e4ren Ziels innerhalb einer Bewegung ist ein grundlegender Wendepunkt. Sobald eine revolution\u00e4re Zielsetzung konkret formuliert wird (d.h. wenn die Bewegung Praktiken erkennt und als ihre eigenen annimmt, die es ihr erm\u00f6glichen, sich ihrer revolution\u00e4ren Kraft bewusst zu werden), dann beginnt innerhalb der Bewegung selbst ein Kampf zwischen revolution\u00e4rer und konterrevolution\u00e4rer Dynamik (Aufrufe zur Ruhe, zu Verhandlungen, zur Integration in den Staat oder zur \u00dcbernahme der Staatsmacht durch Repr\u00e4sentanten, zu einer neuen Verfassung oder einem neuen demokratischen Pakt usw.). Der Kampf um die revolution\u00e4re Kraft findet also sowohl gegen den Staat und die Kapitalistenklasse als auch innerhalb der Bewegung statt. Dieser Kampf wird in beiden Seiten nicht durch die \u00dcbernahme der F\u00fchrung der Bewegung gewonnen, sondern durch die hegemoniale Verbreitung von Praktiken und Initiativen, die die revolution\u00e4re Kraft ausweiten und steigern. \u2013 Die Geburt und Anerkennung dieses revolution\u00e4ren Potentials baut sich gleichzeitig mit den ersten Offensiven auf, die zur Niederlage der Ordnungsh\u00fcter, zur \u201eAu\u00dferdienststellung\u201c des Staates und zum Stillstand der kapitalistischen Produktion f\u00fchren m\u00fcssen: das ist die Zeit des Aufstandes. \u2013 Der Aufstand kann nur siegreich sein, wenn er die Mittel findet, die revolution\u00e4re Kraft zu reproduzieren und ihre Dynamik auszuweiten, ausgehend von Praktiken, die eine Reproduktion des Daseins erm\u00f6glichen, die nicht Ausbeutung und Macht als Fundament haben. In diesem Sinne ist der Inhalt der Revolution tats\u00e4chlich die Abschaffung des Werts und der damit verbundenen gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse. \u2013 Die Revolution entspricht der Ver\u00e4nderung der Welt durch die Ausweitung, Verallgemeinerung und kreative Weiterf\u00fchrung der auf der Abschaffung des Werts basierenden Praktiken der gegenseitigen Hilfe, die durch den Aufstand entstanden sind. Die kommunistisch-libert\u00e4re Revolution zielt darauf ab, die quantifizierte Verbindung zwischen Arbeit und dem Zugang zu Produkten f\u00fcr den Lebensunterhalt zu l\u00f6sen. Sie zielt auf eine Gesellschaft ab, in der es keine Arbeitssph\u00e4re gibt, die (in Abh\u00e4ngigkeit von einer geleisteten Arbeitszeit oder einem quantifizierbaren \u00c4quivalent) die Menge dessen bestimmt, was man zu erhalten berechtigt ist. Der libert\u00e4re Kommunismus ist eine Gesellschaft, in der man nicht produziert, um etwas zum Leben zu bekommen, sondern eine Welt, in der man lebt, indem man sich gegenseitig im Dasein unterst\u00fctzt. Die \u201eArbeit\u201c wird zerst\u00f6rt, um Platz f\u00fcr eine unermessliche Verflechtung des \u201eTuns\u201c durch gegenseitige Hilfe und Teilen zu schaffen. Es gibt keine Produktionsweise als solche mehr, denn das Produzieren ist nicht mehr eine Aktivit\u00e4t, die von dem, was die gesamte Existenz und ihre Bedeutung ausmacht, getrennt ist. Im Grunde ist es das, was die Abschaffung des Werts bedeutet. \u2013 Die aufst\u00e4ndische und revolution\u00e4re Ansteckung muss notwendigerweise eine internationale Dimension annehmen, um alle Staaten und nicht nur einen Staat zu zerschlagen, um die F\u00e4higkeit der Bourgeoisie zur Reorganisation und Gegenoffensive fernab des revolution\u00e4ren Brennpunkts zu zerst\u00f6ren und um zu verhindern, dass andere Staaten eingreifen, um die Revolution auszul\u00f6schen (wie es die USA regelm\u00e4\u00dfig in Lateinamerika, Frankreich in Afrika und in j\u00fcngster Zeit Russland in Osteuropa getan haben).<\/p>\n<p>Da Parteien und Gewerkschaften\/Syndikate zunehmend diskreditiert sind, erscheint der von Murray Bookchin theoretisierte \u201elibert\u00e4re Munizipalismus\u201c als eine M\u00f6glichkeit?<\/p>\n<p>Gegenw\u00e4rtig ist der sogenannte libert\u00e4re Munizipalismus (oder Kommunalismus) nichts anderes als eine vage partizipative Sozialdemokratie. Wir sehen in der Tendenz, \u201eRath\u00e4user einzunehmen\u201c, die derzeit bei einigen Anarchistinnen und Anarchisten sehr beliebt ist, eine Integration dieser in den lokalen Staat. Obwohl Bookchin die revolution\u00e4re Frage nie wirklich losgelassen hat, bleiben diejenigen, die sich heute zum libert\u00e4ren Munizipalismus bekennen, in Wirklichkeit meist bei einem einfachen Munizipalismus. Diese Tendenz ist mit Desertionsbewegungen verkn\u00fcpft, bei denen einige Neo-Landbewohner, die oft \u00fcberqualifiziert sind, dort, wo sie leben, die Regierungsgesch\u00e4fte \u00fcbernehmen. Sich in das politische Leben seines Rathauses einzubringen, \u201eStaatsb\u00fcrger\u201c-Gemeinderatslisten aufzustellen oder f\u00fcr direkte Demokratie einzutreten, hat nichts mit dem revolution\u00e4ren Anarchismus zu tun, f\u00fcr den wir eintreten. Aus einem letztlich einfachen Grund: Der Munizipalismus greift nicht das kapitalistische Gesellschaftsverh\u00e4ltnis und seine Grundlage, den Wert, an. Er stellt sich als Alternative zur politischen Verwaltung des Kapitalismus dar. In den K\u00e4mpfen m\u00fcssen wir darauf achten, dass wir nicht auf die Verf\u00fchrungsversuche dieser politischen Str\u00f6mung hereinfallen, sondern sie sogar bek\u00e4mpfen. Denn sie ist eine Theorie der Niederlage: Wenn sie sich \u00e4u\u00dfert, geht es darum, die Praktiken wieder in den Scho\u00df des Staates und der \u201edemokratischen\u201c Verwaltung der Arbeit zur\u00fcckzuholen.<\/p>\n<p>Die anarchistische Str\u00f6mung hat oft die \u201edemokratische\u201c Form fetischisiert, sei es in Form von Entscheidungsverfahren oder f\u00f6derativen Konzepten von territorialen Einheiten, die \u201eregiert\u201c werden sollen. Das grundlegende Problem aller demokratischen Vorschl\u00e4ge besteht darin, einen vom Rest des Lebens getrennten Zeit-Raum schaffen zu wollen, in dem die dort getroffenen Entscheidungen souver\u00e4n sein sollen. Hier kann man eine Parallele zur Arbeit ziehen: Wenn die Abschaffung des Werts das Verschwinden einer vom Rest des Lebens getrennten Sph\u00e4re bedeutet, die der gemessenen und quantifizierten Produktion gewidmet ist, dann ist die Abschaffung der Politik, wie wir sie kennen, das Verschwinden einer politischen Sph\u00e4re, die vom Rest der t\u00e4glichen Praktiken, die die Reproduktion der Existenz erm\u00f6glichen, getrennt ist. Das bedeutet nicht, dass es keine zwischenmenschlichen Konflikte geben wird, aber sie werden weder durch die Arbeitsteilung noch durch demokratisches Engineering geregelt. Alle demokratischen Vorschl\u00e4ge fallen letztlich auf eine Form des Souver\u00e4nismus zur\u00fcck, ob dieser nun mit \u201etraditionellen\u201c Lebensformen einiger weniger in einem bestimmten Raum, der Landarbeit oder der territorialen Verankerung im Allgemeinen gerechtfertigt wird. Demokratie l\u00e4uft in Wirklichkeit immer darauf hinaus, die Bildung einer Macht und die Grenzen ihres Einflusses zu rechtfertigen. Es geht darum, eine legitime und souver\u00e4ne politische Gemeinschaft auf ihrem Territorium zu definieren. In diesem Sinne definiert die Demokratie, auch in ihrer radikalen und direkten Form, eine Form des Eigentums (sie definiert ihr Territorium), auf dem ihre Entscheidungslegitimit\u00e4t ausge\u00fcbt wird. Man kann zwar sagen, dass es sich dabei um ein \u201ekollektives\u201c Eigentum handelt, aber das \u00e4ndert nicht viel: Es wird darum gehen, diesem Eigentum eine Grundlage zu geben. Und was k\u00f6nnte daf\u00fcr besser geeignet sein als Arbeit? \u201eDie Erde geh\u00f6rt denen, die sie bearbeiten und bewohnen\u201c, h\u00f6rt man sogar in gewissen libert\u00e4ren Kreisen. Dagegen sollten wir mit Nachdruck behaupten, dass das Land niemandem geh\u00f6rt. Das bedeutet nicht, dass man sich nicht mit einem Land verbunden f\u00fchlen oder ihm sogar angeh\u00f6ren kann. Aber es muss nicht zur Grundlage irgendeiner Form von Eigentum werden, auf die sich ein politischer Aufschwung st\u00fctzen w\u00fcrde. Das ist jedenfalls die revolution\u00e4re Perspektive: die gesamte kapitalistische Produktionsweise, die auf Arbeit und Eigentum beruht, zu zerst\u00f6ren und die Macht, die sich darauf st\u00fctzt, zu vernichten.<\/p>\n<p>Sollte die Revolution Industrie und Technologie zerst\u00f6ren? Und wenn ja, handelt es sich dabei um eine Form von Primitivismus?<\/p>\n<p>Die kapitalistischen Produktionsmittel sind vollst\u00e4ndig auf die Produktion von Wert durch Ausbeutung ausgerichtet. Sie sind die eigentliche Materialisierung des kapitalistischen Gesellschaftsverh\u00e4ltnisses und die Mittel zu seiner Ausweitung. Nun haben die anarchistischen und kommunistischen Revolutionstheorien den Glauben an die Industrie nur wenig oder gar nicht in Frage gestellt. Sie sahen sie als eine neutrale Technik, die es zu \u00fcbernehmen gilt, um die materielle Basis f\u00fcr die kommunistische Gesellschaft (libert\u00e4r oder nicht) zu produzieren. Was die existierende anti-industrielle oder anti-technologische Kritik betrifft, so haben sie zwar das Verdienst, den technologischen Fetischismus und die Absurdit\u00e4t der \u201eNeutralit\u00e4t\u201c der Industrie hervorzuheben, aber die revolution\u00e4re Perspektive ist oft diskret oder gar nicht vorhanden. Es fehlte eine radikale Kritik an Industrie und Technologie aus einer revolution\u00e4ren (und nicht moralischen, reformistischen oder alternativen) Perspektive.<\/p>\n<p>Die Industrie geht nicht einfach als \u201eneutrale\u201c Produktionstechnik in die Geschichte ein, sondern als Technik der kapitalistischen Ausbeutung und der Aufrechterhaltung der Ordnung. Das Einsperren in die Fabriken war eine absolut brutale historische Gewalt, bei der die Kapitalisten und die Staatsmaschinerie die beiden Enden des industriellen Gef\u00e4ngnisses halten, das gebaut wird und das mit gef\u00fcgigen Armen gef\u00fcllt werden muss. Die Industrie setzt sich durch Blut und Elend durch.<\/p>\n<p>Aber dar\u00fcber hinaus ist die Industrie nichts anderes als die Materialit\u00e4t der kapitalistischen Produktionsweise selbst. In diesem Punkt st\u00fctzen wir uns stark auf Marx, der trotz der eindeutig industrialistischen Positionen des Marxismus (aber das gilt, wie gesagt, auch f\u00fcr den Anarchismus) eine bemerkenswerte Arbeit zu diesem Thema geleistet hat. Den Kapitalismus zu zerst\u00f6ren, bedeutet daher, die Industrie zu zerst\u00f6ren. Eine Fabrik ist ein Arbeitsplatz, der der Produktion gewidmet ist, wo die technologische Planung der Produktion die Zeit, die Gesten und ganz allgemein das M\u00f6gliche und das Unm\u00f6gliche regelt. Eine Fabrik wird nie etwas anderes sein als ein Arbeitsplatz. Und die Industrie ist eine Organisation der Produktivit\u00e4t und der Standardisierung innerhalb einer Massenproduktion. Die Industrie basiert auf Extraktion, Austausch, instrumenteller Entfremdung, Arbeitsteilung und ganz grunds\u00e4tzlich auf dem Wert. Es gibt keinen Platz f\u00fcr eine andere Nutzung ihres Produktionssystems. Im Gegenteil, die Industrie ist genau die wissenschaftliche Rationalisierung der Ausbeutung, die der Produktion vorgesetzt wird. Sie (und ihre Experten) diktieren die Art und Weise, wie die Arbeit organisiert wird.<\/p>\n<p>Eine Revolution, die versucht, sich auf die Industrie zu st\u00fctzen, haben wir schon gesehen: in den St\u00e4dten des revolution\u00e4ren Spaniens von 1936, insbesondere in Barcelona (in den l\u00e4ndlichen Gebieten Aragoniens war die Situation anders). Das f\u00fchrt zu Revolutionen, die darin m\u00fcnden, dass die Arbeiter in die Fabriken zur\u00fcckkehren, um die Arbeit wieder aufzunehmen! Das ist der Grund, warum ein Teil der CNT in Katalonien zu dieser Zeit Arbeiterrevolten gegen sich hatte. Wenn man eine Revolution macht, dann um aus der Fabrik herauszukommen, nicht um in ihrem Namen dorthin zur\u00fcckzukehren. Und das gilt noch grunds\u00e4tzlicher f\u00fcr die Arbeit selbst. Die Industrie kann nicht ohne Arbeit existieren \u2013 und die herrschende Klasse (der Staat), die die Bedingungen daf\u00fcr schafft. Den Wert abzuschaffen wird bedeuten, Techniken zu erfinden, die nicht auf der Arbeit und ihrer Rationalisierung in der Produktion beruhen.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen daher einen wichtigen Punkt klarstellen: Wir \u00fcben Kritik an der Industrie und der Technologie, nicht an der Technik im Allgemeinen. Wir haben nichts gegen die Technik. Aber wir m\u00fcssen dann klar zwischen \u201eTechnik\u201c und \u201eTechnologie\u201c unterscheiden. Die Technologie ist die instrumentelle Rationalisierung der Ausbeutung. Sie ist das rationalistische Ausbeutungssystem, das auf der Verwissenschaftlichung der Produktionsweise beruht, um sie immer weiter zu verbessern. In diesem Sinne ist die Industrie eine technologische Technik. Aber nicht jede Technik ist notwendigerweise technologisch, und auch nicht jede Maschine ist notwendigerweise technologisch. Und es kann Technologie geben, ohne dass Maschinen eingesetzt werden.<\/p>\n<p>Die Revolution wird also nicht die Technik zerst\u00f6ren, um zu irgendeiner Form von Primitivismus zur\u00fcckzukehren. Im Gegenteil, sie wird die Technik aus ihrer technologischen und industriellen Enklave befreien. Die Industrie ist eine Technologie, die auf die Steigerung der Produktivit\u00e4t abzielt, um den Anteil der zu zahlenden Lohnkosten zu senken und die Profite zu erh\u00f6hen. Dies geschieht durch eine Standardisierung und Massifizierung der Produktion und damit durch eine technologische Vereinheitlichung der Technik. Nun ist die Technik in einer kommunistisch-libert\u00e4ren Welt eine Technik, die Felder f\u00fcr die Vielfalt von Ideen und Praktiken \u00f6ffnet, eine kreative Technik, die sich an einer Vielzahl von \u00fcberbordenden Vorstellungswelten orientiert und auf diese ausgerichtet ist. Eine Technik, die nicht darauf abzielt, die Zahl der Arme zu verringern, sondern jeden aufzunehmen.<\/p>\n<p>Kurz gesagt: Die Revolution setzt die kreativen Kr\u00e4fte der Gesellschaft frei, indem sie die Produktivkr\u00e4fte des Kapitals zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>\u201eDie Revolution ist nicht mechanisch. Sie wird von uns abh\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Dieses \u201eWir\u201c ist nicht das einer Partei oder einer Gruppierung. Es ist nur das, was durch die K\u00e4mpfe, die uns erwarten, aufgebaut wird. Im Grunde ist es dieses \u201eWir\u201c, das seit vielen Jahren, ja sogar seit Jahrhunderten, gesucht und neu erfunden wird: das \u201eWir\u201c der ausgebeuteten Klasse, die in die Offensive geht.<\/p>\n<p>Wir sind aus diesen Bewegungen hervorgegangen und sprechen aus dem, was sie in uns geformt haben, und verteidigen das Ziel einer anarchistischen Revolution: eine soziale Revolution, die aus zahlreichen Aufst\u00e4nden besteht, die sich zusammenschlie\u00dfen und sich der \u00dcbernahme der Staatsmacht sowie jeder Form von verwaltender Alternative widersetzen, selbst wenn sie sich als libert\u00e4r darstellt. Es geht darum, die Arbeit und die politische Macht zu zerst\u00f6ren, nicht sie zu ver\u00e4ndern. Die Wege dorthin m\u00fcssen im Herzen der Aufst\u00e4nde unserer Klasse erfunden werden. Sie m\u00fcssen durch K\u00e4mpfe geschaffen werden, die dieses \u201eWir\u201c aufbauen, indem sie die Machtkategorien \u00fcberwinden, die uns zwischen Ausgebeuteten spalten. Das Ziel ist die Zerst\u00f6rung aller Klassen und der Macht, die ihre Beziehungen strukturiert.<\/p>\n<p>Um das zu erreichen, d\u00fcrfen wir nicht in die Falle identit\u00e4rer Spaltungen tappen, m\u00fcssen wir reformistischen Illusionen widerstehen und uns in den bevorstehenden Aufst\u00e4nden alle zusammenfinden. St\u00e4rken wir die Offensivit\u00e4t unserer Bewegungen und ihre F\u00e4higkeit, sich auszubreiten, organisieren wir uns gegen alle Verteidiger der Ordnung und konterrevolution\u00e4ren Kr\u00e4fte, die uns beim Staat vertreten und uns zu Verhandlungen f\u00fchren wollen. Arbeiten wir daran, die Praktiken international zu verbreiten, damit sie erreichbar und reproduzierbar sind. Identifizieren wir die gesamte materielle Welt, die sich zwischen uns und der kollektiven Wiederaneignung unserer Lebensgrundlagen aufgebaut hat: den Zwang zur Arbeit, die industrielle Organisation der Produktion, die technologische Umwandlung des Raums in der Metropole, die Aufrechterhaltung der \u00d6konomie durch den Staat. Und lasst sie uns zerst\u00f6ren, Mauer f\u00fcr Mauer (Mur par Mur).<\/p>\n<p>Nur eine gro\u00dfe revolution\u00e4re Bewegung, die aus zahlreichen Aufst\u00e4nden besteht, kann es uns erm\u00f6glichen, die Aufrechterhaltung der Ordnung zu durchkreuzen und gleichzeitig den Kern des Problems anzugehen: das kapitalistische Gesellschaftsverh\u00e4ltnis zu zerschlagen, seine Infrastruktur zu zerlegen und den Staat niederzurei\u00dfen. Die Revolution wird zwangsl\u00e4ufig Momente gewaltt\u00e4tiger Auseinandersetzungen mit sich bringen. Die Verteidiger der kapitalistischen Ordnung werden sich das nicht gefallen lassen. Aber es geht um viel mehr: Lebensweisen entstehen zu lassen, in denen die unermessliche gegenseitige Hilfe zwischen Menschen Ausbeutung und Macht ersetzt hat; ein Leben ohne Privateigentum und ohne Staat, ohne Arbeit und ohne Geld: libert\u00e4rer Kommunismus. Die Revolution h\u00f6rt also nicht beim Aufstand auf, sondern nimmt dort ihren Anfang. Die ganze Herausforderung, die vor uns liegt, besteht darin, es in der Offensive zu schaffen, die Welt zu ver\u00e4ndern\u201c.<\/p>\n<p>(Auszug aus dem Buch \u201eF\u00fcr einen revolution\u00e4ren Anarchismus\u201c, dessen Fortsetzung diese Brosch\u00fcre ist).<\/p>\n<hr \/>\n<p>1Siehe zu diesem Punkt die beiden folgenden Brosch\u00fcren: \u2013 Sur l\u2019offensive russe, la brochure de Mirasol : \u00ab La mal\u00e9diction de Poutine. Soul\u00e8vements et raison d\u2019\u00c9tat \u00bb (https:\/\/camaraderevolution.org\/) \u2013 Sur le soul\u00e8vement au Kazakhstan : \u00ab Kazakhstan. R\u00e9cit d\u2019un soul\u00e8vement de janvier 2022 \u00bb (https:\/\/asaprevolution.net\/)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcbernommen von der Soligruppe f\u00fcr Gefangene: Auf Tridni Valka gefunden, auf Bitte der Verfassende f\u00fcr die Anarchistische Buchmesse Berlin-Kreuzberg 2024 \u00fcbersetzt, ein weiterer inhaltlicher Beitrag, die \u00dcbersetzung ist von uns. F\u00fcr einen revolution\u00e4ren Anarchismus (Diskussionen und Weiterf\u00fchrungen) Die Ver\u00f6ffentlichung des Buches \u201ePour un anarchisme r\u00e9volutionnaire\u201c (Ed. L\u2019Echapp\u00e9e, 2021) war eine Gelegenheit, viele Gef\u00e4hrten zu treffen &hellip; <a href=\"https:\/\/anarchistischebuechermesse.noblogs.org\/?p=253\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">F\u00fcr einen revolution\u00e4ren Anarchismus<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":19357,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-253","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-general"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/anarchistischebuechermesse.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/253","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/anarchistischebuechermesse.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/anarchistischebuechermesse.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/anarchistischebuechermesse.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/19357"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/anarchistischebuechermesse.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=253"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/anarchistischebuechermesse.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/253\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":254,"href":"https:\/\/anarchistischebuechermesse.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/253\/revisions\/254"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/anarchistischebuechermesse.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=253"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/anarchistischebuechermesse.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=253"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/anarchistischebuechermesse.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=253"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}